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VON RUSSISCHER KUNST
Die russische Malerei schien immer etwas
unselbständig und scheint es noch heute.
Sie machte die Moden Europas mit, und auch
heute sind alle Stile der gegenwärtigen Generation
in ihr vertreten. Der russischen Dichtung wird
niemand die Selbständigkeit abstreiten. In der
russischen Musik, die vielfach von Schumann,
Wagner und den Franzosen abhängig ist, herrschen
doch Nationaltöne vor. Aber auch in
der Malerei wird das scharfe Auge den natio-
Wir verdanken die Abbildungen dieses Aufsatzes dem Verlag
„Russische Kunst", Alexander Kogan in Berlin, der außer
einer Reihe vorzüglicher Werke über russische Kunst die auch
im Text unseres Aufsatzes erwähnte russische Zeitschrift ,,Jar
ptitza" herausgibt. Auf diese Zeitschrift, die sich vorwiegend
mit bildender Kunst beschäftigt, und die, was die Ausstattung
betrifft, geradezu vorbildlich gerannt werden darf, werden
wir später noch zurückkommen.
nalen Ton wohl beobachten, selbst wenn er
von den Modeströmungen gedeckt erscheint.
Ein gewisser Archaismus, der die Primitivitäten
liebt, ein sanfter, melancholischer Klang, ein
Märchenwesen von Unholden und Dämonen,
bäuerischer Spott und städtische Eleganz, eine
kultivierte Liebe zum Stil, und ein ausgesprochenes
Organ für alles Dekorative, auch in den
kühnsten Bahnen der modernen Ornamentierung,
alles das gibt der russischen Malerei einen eigenen
Akkord und eine charakteristische Melodie,
deren Klima niemals zu verkennen ist. Und
wer sich darein vertieft hat, liebt diese Malerei
mit derselben herzlichen Zuneigung, wie die
andere russische Kunst, und wie den unerschöpflichen
russischen Menschen. Unerschöpf-
Die Kunst für Alle. XXXV III. Noveml er 1922
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