Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 47. Band.1923
Seite: 44
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_47_1923/0064
VOR WERKEN RUSSISCHER KUNST*)

Von Graf Alexei N. Tolstoi

Vor mir liegen Ssudeikins Bilder: in der Tat,
eine Welt voll wunderbarer Poesie, voller
Jubel und Heiterkeit, eine Welt der altertümlichen
Landschaften und Gutshäuser, der Reigentänze
im grünen Schatten der Haine und
der sich zierenden jungen Leute, die in die
Dorfschönen verliebt sind: eine wiedererstandene
Welt sorgloser Herrlichkeit und Liebe.
Kupido, der in Großmütterchens Federbetten
sorgsam Gepflegte, hat sich diese Welt zur Zielscheibe
für seinen Bogen erkoren. Da sind Jahrmärkte
und Rummelplätze, Kasperltheater und
Schlittenfahrten bei Nowinskoje, wo alle Welt
betrunken ist; da sausen dicke, rotwangige
Kaufmannsfrauen in Troikas vorbei und der
stumpfnasige Beamte blickt ihnen nach, von
wollüstiger Sehnsucht geplagt. Da sind die überheizten
guten Stuben der Kleinbürger, die sogenannten
Kabinette in den Gasthäusern dritten
Ranges, deren Fenster auf den Hof der Kirche
hinausgehen, ungeheuerliche Weiber und vor
Hitze schlaff gewordene Mädel, dann die Lakaien
im Gasthof mit ihren Verbrecherphysiognomien
, und derselbe stumpfnasige Beamte,
der zu einer halben Flasche Ebereschenschnaps
seine Zuflucht genommen hat. Das ist die
märchenhafte Welt der lehmgeformten Spielsachen
, wie man sie in Wjatka hat. Da ist der
wollustsatte und faule Orient — Georgien, Persien
, Armenien. Und dann endlich — zeitgenössische
Porträte mit ihrer besonderen, geheimnisvoll
beängstigenden Wesenheit.

Wie verzaubert steht man vor der Welt dieses
unvergleichlichen Dichters und Spötters,
dieses Mystikers und gewaltigen, leidenschaft-

*) Wir entnehmen diese Ausführungen einem längeren Aufsatz
der russischen Zeitschrift „Jar ptitza", auf welche wir
bereits oben (S. 33 u. 36) hingewiesen haben.

liehen Koloristen, und man fragt sich: aus welchen
Tiefen mag wohl diese Kunst emporwachsen
?

Alle Betrachtungen über Kunst scheinen mir
immer auf eines hinauszulaufen: die Kunst
(Malerei, Musik, Dichtung u. a.) ist wie ein
Netz, in dem der Geist des Lebens gefangen
wird, und hat man ihn einmal gefangen, so
wird er in kristallene Töne, Worte, Farben,
Formen umgeschmiedet.

Diese Kristalle werden von der Zeit zerstört,
aber die Kunst wirft immer aufs neue ihr Netz
aus. Am Reichtum des Fanges läßt sich der
Reichtum der Epoche bemessen. Es gibt aber
auch noch einen andern Unterschied in diesem
Ewigkeitsfang; je nach dem Grade ihres Angefülltseins
mit ewigem Gehalt, mit dem, was
in der Kunst unter Schönheit verstanden wird.

Recht eigentlich wird hiervon gesprochen,
wenn man über Kunst redet, oder wenn man
sie nach dem Jahrhundert, in welches sie hineingehört
, zu beurteilen unternimmt.

*

Wer die Ewigkeit einfangen will, der baut
seine Formen aus dem zerbrechlichen und vergänglichen
Material des Lebens. Durch die
Form ist der Gehalt bedingt: das Leben überbietet
die Schöpferkraft an Fülle. Es ist unmöglich
, in der Tat, einen blutroten Sonnenuntergang
in die Freude der Morgenklarheit
zu tauchen. Das ist die Tragödie der Kunst
und ihr unermüdliches Kämpfen mit der Form
— mit dem Leben des heutigen, des gegenwärtigen
Tages.

Nur in seltenen Epochen eines glücklichen
und reichen Aufblühens des Lebens ist die

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