Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 47. Band.1923
Seite: 88
(PDF, 72 MB)
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erfüllten Frage an das unbegreifliche Walten
des Schicksals.

Die Radierungen lassen fast noch besser als
die Gemälde das stetige Anwachsen der kosmischen
Empfindung, das Hinneigen zum Transzendentalen
erkennen. Dies spiegelt sich hier
besonders deutlich im Verhältnis von Figur und
Raum. In den Caprichos spielen die Figuren
die Hauptrolle, so daß in neun Zehnteln aller
Blätter eigentlich die Szene ganz von ihnen
ausgefüllt ist. Die Umgebung ist klein, nebensächlich
; Landschaft wird nur genommen zur
Verdeutlichung der Bewegung, der Bedeutung
der Figuren. In den „Desastres" beginnt der
Raum schon eine andere Rolle zu spielen. Hier
grenzt schon manches an das Kosmische. Beides
gleich gewaltig ist in den „Disparates" geschildert
, d. h. wir haben es letzten Endes hier mit
völlig zeitlosen Erscheinungen im unendlichen
Raum zu tun.

Kein Südländer hat je solch eine Phantasie entwickelt
wie Goya, kein anderer so auf äußere
Schönheit verzichtet. In dieser Betonung des
Häßlichen ist
Goya aufs neue
seinen großen
nordischen Kollegen
verwandt,
die mehr der Betonung
des Charakteristischen
,
der Durchgeisti-
gung auf Kosten
der Schönheit
nachstrebten, als
der Schilderung

harmonischer
Zuständlichkeit
idealer Welten
und Wesen.

Goyas Phantasie
wächst mit
demAlter.Von einer
Ermüdungserscheinung
, von
einer Erschöpfung
der reinen
Phantasie, wie
wir sie bei Dürer
oder bei
Goethe antreffen
, ist nichts zu
bemerken. Goya
gleicht hier Tizian
wie Tinto-

goya

retto und Rembrandt. Ist die Stärke der Expression
in den gemalten und radierten Szenen
mit Motiven aus dem Unabhängigkeitskrieg besonders
groß, hat sie zu so genialen Formulierungen
geführt wie jene Erschießungsszenen,
wo wir keine Soldaten sehen, sondern nur die
gleichgerichteten Flintenläufe, so kann man
sich nichts Gesättigteres an Ausdruck denken
, als die Wandmalereien in der Quinta
del Sordo. Besonders eindringlich ist die Vision
des Zweikampfs der beiden Schäfer, die
sich in die Erde eingegraben haben und nun
zwei Kolossen vergleichbar, wie die Verkörperung
ganzer Völker wirkend, sich gegenseitig
zu Tode schlagen.

Aber auch Szenen, die eigentlich ein Transponieren
in die Welt der Phantasie gar nicht
erwarten lassen, werden von dem alten Goya
zu Visionen umgestaltet. Seine späten Stierkampfdarstellungen
sind keine Schilderungen
der Wirklichkeit, sondern mit ihren sich in der
Arena drängenden Menschen und dem sich ins
Unendliche weitenden Hintergrund mit der
riesigen Zuschauermenge reine Visionen.

So sehr aber
auch Goya von
der sichtbaren
Natur abrückte,
nie ist die Natur
derart vergewaltigt
, nie jeder
Gedanke an
augenmäßig faßbare
Gestaltung
geschwunden, nie
Optisches derart
in Cerebralisches
verwandelt, wie
das von den neueren
Ultras des
Expressionismus
versucht worden
ist. Das macht die
ewige Glaubhaftigkeit
der Goya-
schen Kunst aus,
darin besteht ihr
Geheimnis, warum
sie stets für
Expressionisten
wie Impressionisten
bewunderungswürdig
und anregend er-
k - scheinen wird.

capricho (Zeichnung) Aug. L. Mayer

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