Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 47. Band.1923
Seite: 184
(PDF, 72 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_47_1923/0214
deutet den Ausgangder Epoche wahrer Romantik.
Und wie wenig haben doch die echten romantischen
Künstler von den bohemegenialischen
Eigenschaften, die man ihnen gewöhnlich andichtet
(und zwar aus eigner, Romantik genannter
Sentimentalität), und wie viel besitzen sie
an hohen Qualitäten, die man ihnen abspricht.
Dies zu erweisen, ist die Wiesbadener Ausstellung
schon im reichsten Maße genügend, —
wenn man nur die ins Biedermeier tendierenden
Künstler für den Augenblick ausscheidet. Was
einem unmittelbar entgegentritt, ist die unbedingte
Sauberkeit! Eine Reinheit des Gefühls,
die sich in der Reinlichkeit der Ausführung
ihre adäquate Form schafft. Was zwischen der
Konzeption und der Vollendung liegt, — liegen
muß, wäre es auch nicht durch zahlreiche schriftliche
Zeugnisse und das große Studienmaterial
belegt —, ist unendlicher Fleiß. Die Künstler
der romantischen Epoche gaben sich nicht zufrieden
mit der einfachen Tatsache des Gefühls
— das noch keine Aussage über künstlerische
Fähigkeit bedeutet —; sie rangen und mühten
sich, sie waren Arbeiter und Handwerker im
besten Sinne des Wortes. Daher die peinliche
Akkuratesse des fertigen Werkes.

Und mit dieser Tatsache ist auch schon die
wertvolle Beziehung auf die Gegenwart geschaffen
. Von dieser Sauberkeit, Handwerklichkeit
, Arbeitsamkeit trotz größter Gefühlstiefe
kann eine heutige Kunst sich nur willig beeinflussen
lassen. Dies kann sie von der Kunst
der Romantik lernen, — nicht aber in ihrem
eignen Gefühlsplural ohne Formungskraft sich
von falschen Lobrednern bestärken lassen mit
dem Hinweis auf die „formverachtende Gefühlsseligkeit
" der Romantik.

Was sich als letztes Wertvolles der Ausstellung
ergibt, ist vielleicht und sicherlich zum
Teil, eine Angelegenheit mehr für den Kunsthistoriker
als für den Laienbesucher: Die zahlreichen
Leihgaben aus Privatbesitz und die
damit verbundene erstmalige Möglichkeit der
Betrachtung und Prüfung von Neuentdeckungen
. Neben dem Besitz der öffentlichen Kunstinstitute
sind aus Dresdner, Frankfurter, Kölner,

Mainzer, Darmstädter, Wiesbadener, Düsseldorfer
, Karlsruher, Mannheimer, Elberfelder
Privatbesitz Werke von Cornelius, Carus, Friedrich
, Blechen, Fellner, Koch, Lessing, Fohr,
Fries, Runge, Kersting, Rethel, Richter, Rottmann
, P. Becker, G. Ph. Schmitt, Steinle, Schwind,
Settegast, Mintrop und vielen anderen ausgestellt
. Unter den Neuentdeckungen stehen
an erster Stelle die vom Grafen Hardenberg,
Darmstadt, wiederaufgefundenen Bilder C.Fohrs,
dessen prachtvolle Darmstädter „Romantische
Landschaft" sowie die wundervollen Zeichnungen
aus Darmstadt und Heidelberg unbedingt
den Mittelpunkt der Ausstellung bilden. Die
neuentdeckte „Waldschlucht" mit allen charakteristischen
Merkmalen des Künstlers, ist sicher
als ein Frühwerk Fohrs anzusprechen, ebenso
das große ungemein kraftvolle Aquarell „Illyrische
Küstenlandschaft" wohl richtig mit der
Zeichnung identifiziert, die Fohr selbst im Brief
vom 2. Mai 1818 aus Rom an seine Eltern
beschreibt (s. Dieffenbachs Fohr-Biographie,
neu herausgegeben von Rud. Schrey, Frankfurt
a. M„ 1918). Die „Tiroler Landschaft"
allerdings dürfte eine unsichere Zuschreibung
sein; man denkt eher an den Heidelberger
G. W. Issel, mit dessen im Heidelberger Museum
aufbewahrten Werken, vor allem dem „Einsamen
Baum" große Verwandtschaft besteht.
Eine kleinere aquarellierte Federzeichnung aus
Frankfurter Privatbesitz: „Italienische Wallfahrer
" wäre ebenfalls eine unzweifelhafte Neuentdeckung
. — Zwei Zeichnungen zur „Undine"
aus Karlsruhe, zu denen noch zwei weitere
nicht ausgestellte in Mannheim und Hannover
gehören, sind fälschlich Franz Pforr zugeschrieben
. Sie Fohr zuzuweisen besteht auch nur
geringe Möglichkeit; sie dürften aus dem Kreise
der Klosterbrüder von S. Isidoro stammen, etwa
von Ludwig Vogel.

Womit auch der Kunsthistoriker sein Recht
und seine Befriedigung erfahren hätte — so daß
er sich zurückverwandeln darf in den Nur-
Genießer, in welcher Gestalt er die Ausstellung
noch einmal durchwandert, um sie nur ungern
zu verlassen. Herbert Fritz Herler

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