Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 47. Band.1923
Seite: 196
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NICOLAS POUSSIN

BACCHISCHER TANZ (LONDON, NATIONAL GALLERY)

Aus dieser Beschränkung hinaus heben sich die
drei mächtigen, von Licht umspielten Formen
der Felsen und des Baumes. Sie scheinen sich
zu dehnen, zu atmen, sich hinauszusehnen in
die Unendlichkeit des Meeres, dessen Küste im
rechten Hintergrund noch angedeutet ist. So
wird Polyphem in seiner Stellung und Hingewandtheit
zum Meere weit über eine anekdotenhafte
, staffagenartige Bedeutung emporgehoben.
Seine Gestalt ganz aus der Felsform entwickelt,
hat nur die Aufgabe, uns auch jene drei Berge
als sehnsuchtsvoll dem Meere zugewandt erscheinen
zu lassen und durch diese Suggestion
uns fester in die allgemein menschliche Stimmung
der melancholischen Beschränkung und
der Sehnsucht zu bannen, die aus der Gesamtheit
dieses Bildes spricht. In der Landschaft
mit den beiden Nymphen im Museum zu Chan-
tilly scheint Poussin das Wesentliche gewesen
zu sein, das üppig Schwellende, Quellende der
Natur auszudrücken. Das Terrain ist wellig
und voller kleiner Buckel. Überall quellen Blumen
, Gräser, Sträucher hervor. Durch die sehr
detaillierte Behandlung der einzelnen Blättchen,
die Betonung jeden Halmes durch Sonnennecken
bis in den zweiten und dritten Plan
hinein, ist dieser Eindruck unerschöpflichen

Reichtums noch unterstützt, das Sprießende,
Wuchernde sinnfällig gemacht worden. Ein
schweres Wasser wälzt sich vom Hintergrunde
nach vorne, wo zwei Nymphen — farbig ganz
als Teile der Landschaft empfunden —, ermattet
von der Erde heißem Atem, ruhen und
einer Schlange zuschauen, die in ihrer reichen
barocken Windung dem Gesamteindruck ebenfalls
dient. Das gesättigte Grün des südlichen
Sommers gibt der Landschaft einen vollen Ton,
der durch das Gelbgrün verbrannten Laubes
nuanciert ist.

Die letzte Schaffensperiode des Meisters wird
durch einen wundervollen Bilderzyklus gekrönt,
den Poussin 1660—1664 für den Herzog von
Richelieu geschaffen hat. In den „Vier Jahreszeiten
", die heute im Louvre hängen, hat
Poussin den Frühling, den Sommer, den Herbst
und den Winter an sich dargestellt. Um Porträte
von Landschaftsausschnitten handelt es
sich auch hier nicht; an örtliche und zeitliche
Vorbilder sind diese vier Darstellungen nicht
gebunden. Nördlich und südlich der Alpen sind
diese Landschaften ebenso heimatberechtigt wie
diesseits und jenseits des Rheins, d. h. sie finden
sich allgemein in der Natur. Immer war
und ist der Frühling die Zeit eines sorglosen,

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