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HANS LEINBERGER
Hans Leinberger, der Landshuter Bildschnitzer
, ist eine der bedeutendsten und markantesten
Künstlerpersönlichkeiten der deutschen
Spätgotik. Wohl ist sein Name bis heute noch
nicht in dem Maße bekannt und volkstümlich
geworden, wie der eines Tilman Riemenschneider
, eines Veit Stoß, Jörg Syrlin oder Peter
Vischer, aber die überragenden Qualitäten seines
Werkes, das weite Ausmaß seiner kraftvollen
Persönlichkeit stehen durch die Forschungen
der letzten Jahre so klar vor unseren Augen,
daß sein Stern in stetem Aufstieg begriffen
ist. Es ist nicht leicht, ihn von allem Anfang
an schätzen und lieben zu lernen; er hat nicht
die bestechende Eleganz eines Riemenschneider
, nicht die weltmännische Überlegenheit
eines Veit Stoß, noch weniger die in sich gefestigte
, wohl abgewogene Ruhe eines Jörg
Syrlin oder Peter Vischer. Er tritt in seinen
Arbeiten rauh und ungeschlacht vor uns hin,
er gibt sich nicht die geringste Mühe, uns zu
gefallen, uns durch irgend etwas zu bestricken;
sein ganzes Werk enthält kein einziges Beispiel
von einem Zugeständnis an den Geschmack
seiner Auftraggeber. Dafür strahlen alle seine
Arbeiten eine unerhörte Frische, eine Kraft
aus, die jeden aufnahmefähigen Betrachter
augenblicklich in ihren Bann schlägt.
Von seinem Leben wissen wir nichts, und
doch ist es unzweifelhaft: er muß auch körperlich
ein Urbild der Kraft gewesen sein, ein
Riese, dem das Hantieren mit dem schweren
Klöppel und dem breiten Schnitzmesser eine
wahrhaft erlösende materielle Übung war.
Seit Georg Habichs grundlegender Arbeit,
die 1906 im „Münchener Jahrbuch der bildenden
Kunst" erschienen ist, kam das Interesse
an Leinbergers Werk nicht mehr zum Stillstand
und wurde da und dort durch längere
oder kürzere Hinweise stetig wachgehalten.
Ein Schlußstein zu diesen Forschungen liegt
jetzt mit Adolf Feulners Veröffentlichung über
Hans Leinbergers Moosburger Altar*) vor, die
zum ersten Male eine Reihe bisher unbekannter
archivalischer Daten anführt und so einer
lückenlosen stilistischen Einordnung der Produktion
Leinbergers den Weg bereitet. Bislang
waren in der Hauptsache nur zwei Werke
Leinbergers sicher mit Daten zu belegen, das
HL 1516 bezeichnete kleine Kreuzigungsrelief
im Münchner Nationalmuseum (Abb. S. 274)
und das HL 1524 signierte Rohrer-Epitaph in
*) Adolf Feulner, Hans Leinbergers Moosburger Altar.
München ig22 bei Riehn & Reusch.
St. Martin zu Landshut in Niederbayern. Waren
diese beiden, nahezu zehn Jahre Schaffenszeit
begrenzenden Daten schon geeignet, eine Grundlage
für die Einordnung der übrigen Werke
des Meisters zu geben, so ist es doch eigentlich
erst jetzt, nach den zahlreichen von Feulner
mitgeteilten Zeitbestimmungen möglich, die
Stilentwicklung Leinbergers an Hand der nun
gesicherten Jahreszahlen einwandfrei zu verfolgen
.
Den Beginn macht eine vermutlich auf der
Wanderschaft entstandene Gerichtsszene, die
ehemals die Ratsstube des Nürnberger Rathauses
schmückte. Diese hochreliefartige Gruppe,
die jetzt im Germanischen Museum verwahrt
wird, zeigt den jungen Leinberger schon als
einen durch und durch eigenartigen, frühreifen
Meister von gewaltigem Können. Zu einer Zeit,
wie zu Beginn des 16. Jahrhunderts, wo allenthalben
noch eifrig im gotischen Formenkanon
weitergearbeitet wurde, schafft der junge Leinberger
ein Werk, das in Auffassung und Ausführung
gleichmäßig überraschend neu ist. Eine
fast lebensgroße sitzende Mutter Gottes mit Kind
im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin ist ebenfalls
in diese Frühzeit des Meisters, um das
Jahr 1510, zu setzen. Erst nach 1510 ist, nach
den Forschungen Feulners, Leinberger in Landshut
, der Residenzstadt Niederbayerns, ansässig
und zwar von Anfang an schon als bekannter,
allgemein geschätzter Meister. Er steht von
1516 ab als bevorzugter Künstler in den Diensten
des kunstsinnigen Herzogs Ludwig X., der
ihn mit Aufträgen überhäuft und ihm große
Honorare auszahlen läßt.
Ein Hauptwerk Hans Leinbergers, der große
Schnitzaltar in der Münsterkirche zu Moosburg
bei Landshut, ist annähernd vollständig erhalten
. Er ist von einer so hohen Qualität, daß
er in einem Atemzuge mit den größten spätgotischen
Kunstwerken, dem Hochaltar in
St. Wolf gang von Michael Pacher und dem Hochaltar
in Blaubeuren genannt werden muß. Der
Schrein des Moosburger Altars, dessen Entstehungszeit
um 1513 anzusetzen ist, enthält drei
überlebensgroße Figuren: die Mutter Gottes mit
dem segnenden Kinde, den hl. Kastulus und Kaiser
Heinrich (Abb. S. 268,270/71). Zu beiden Seiten
des Schreines stehen Johannes der Täufer und
Johannes der Evangelist. Der Aufbau über dem
Schrein, der kleinere Heiligengestalten zwischen
Baldachinen zeigt, wird von einer Kreuzigungsgruppe
bekrönt. Es ist das übliche gotische
Schema für den Schnitzaltar. Die Behandlung
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