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schon zur Geltung, um dann in den späteren
Werken Hallers immer stärker und klarer hervorzutreten
. Es ist dabei nötig, zu wissen, daß
Haller, wenn er nicht mit bestimmter Absicht
auf Bronze oder Stein hinarbeitet, bei seiner
Plastik vom Modellieren ausgeht, daß seine
Figuren durch die formende Hand gewissermaßen
von Innen nach Außen gebildet werden
, daher sie alle den Charakter modellierter
Formgebung zur Schau tragen. Am augenfälligsten
wird dies sichtbar bei seinen Improvisationen
, die im Augenblick erfaßtes, intuitives
Leben wiedergeben. So entstanden
„Die Kniende" mit der
ekstatischen Geste nach oben, die
auf den Knien Zurückgesunkene,
„Die Aufrechtstehende" mit den
wie zum Gebet erhobenen Händen
. Intensivstes Leben quillt in
diesen Gestalten. Ihre bewegte,
vibrierende Oberfläche, mit ihren
Höhlungen, Tiefen, Buckeln, Kanten
, Flächen, Rundungen, gibt
lebendigste Bewegung, Atmen des
Körpers und Geistes, der hier im
Räume eingeschlossen ist. Auch
das Gesicht seiner Figuren ist
nichts anderes als eine solche
Körper- und Geistoffenbarung in
auf- und abklingenden Kurven,
Linien, Strichen, physiognomi-
schen Zeichen, die zusammen eben
dieses Lebewesen ausmachen. Die
Modellierung Hallers gewinnt
ihren stärksten Ausdruck in der
lebendigen Gestaltung der Innenformen
, in der dadurch bewirkten
Individualisierung der Gestalt.
Man sehe nur daraufhin die verschiedenen
weiblichen Körper an,
wie z. B. „Die Stehende" mit der
torsalen Drehung im Oberkörper,
wie individuell dieser gebildet ist,
und wiederum „Die „Stehende"
mit den am Körper anliegenden
Armen; dazu auch die junge
Männerfigur und den „Stehenden
Mann" mit den ausgespreizten
Händen. In diesen „Stehenden"
spricht aber auch vornehmlich
etwas anderes mit — das tektoni-
sche Problem der stehenden Figur
— der Statue überhaupt. Der
Akzent liegt bei diesen Figuren
auf der Beinstellung und in der
Gleichgewichtshaltung der Körper
. Haller beschäftigt sich hierin
mit dem statuarischen Problem, Hermann haller
wie es in der Plastik seit Jahrtausenden immer
wieder aufgegriffen und variiert wird und sucht
ihm eine neue Nuance, einen weiteren Akzent
abzugewinnen.
Auch in der bewegten Figur mit ausgesprochener
Körpergeste, wie in der weiblichen
mit den am Hinterkopf gekreuzten Händen und
der ähnlich komponierten männlichen, ist das
Vorherrschende nicht allein mehr die Geste,
der Funktionsausdruck eines bestimmten Körpergefühls
, sondern zugleich auch das Hervorkehren
des Tektonischen in Haltung und Aufbau.
jüngling
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