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MV
HERMANN HALLER
KAUERNDER JÜNGLING
Die Figur baut sich etappenweise auf und zwar
in parallelen, miteinander korrespondierenden
Punkten, Knie an Knie, Beckenwülste, Büste,
Wangen, um zuletzt in den beiden ausgestreckten
Ellenbogen zu giebeln. Noch stärker tritt diese
Parallelität der Formen bei der sitzenden
Figur in die Erscheinung mit den ausgespreizten
Beinen und Ellenbogen. Was in früheren
Arbeiten Hallers meist nur andeutungsweise
und verborgen in der Erscheinung lag, tritt
nunmehr in einer bestimmten bildnerischen
Absicht ans Licht. Das Tektonische wird zur
entscheidenden Konstante im bewegten Fluß
der Formen, die mimische Geste erscheint von
einem festen Gerüst getragen, alles plastische
Leben ist eingefangen und gebändigt in die
gebannte Form. Hallers Figuren erscheinen so
wie Gefäße gedrängt voll Leben. Hierin scheint
auch Hallers gegenwärtiges Ziel zu liegen: Das
Tektonische der menschlichen Gestalt, oder
wie Haller es nennt, die „architektonische
Figur", nicht in der Starrheit und Naivität der
Primitiven, sondern als typischer Ausdruck gereiften
plastischen Könnens und Vermögens.
A. H.
Die Kunst für Alle. XXXIX.
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