Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 26
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0040
bescheidenen Häuschen in St. George's Square,
nordöstlich von Primrose Hill, zwar an einem
öffentlichen Miniaturgarten gelegen, aber doch
hoch oben in einer ganz und gar unvornehmen
Gegend. Seit elf Jahren radierte er und hatte
es mit ungewöhnlichem Fleiß auf an die 250
Platten gebracht. Aber dennoch verfügte die
Familie, deren Kinderschar bereits auf fünf
Köpfe gewachsen war, nicht einmal über richtige
Dienstboten: die Hausfrau mußte sich
mit Aufwartungen behelfen. Strangs Kunst
war nichts für die Herren Verleger, und wenn
einer von diesen, halb verlegen, halb unwirsch,
dem Meister auf Umwegen andeutete, mit
welcher Art Kunst ein Geschäft zu machen
sei, dann grunzte Strang ihn wohl verdrossen
an: „Ach, hübsche Bilderchen ist was Sie
haben wollen, nicht Kunstwerke?!" Zu „hübschen
Bilderchen" zwar hat er sich nie bequemt
. Doch schuf er ausgezeichnete Wiedergaben
(meist in Schabkunst) von „Bilderchen"
anderer Maler, und damit konnte er seinen
Lebensunterhalt bestreiten; die wurden ihm
bezahlt. Aber er hat sich nie zu ihnen bekannt,
hat sie nicht bezeichnet und hat sie auch nicht
in das Verzeichnis seiner Radierungen aufgenommen
, das er mit seinem Sohn zusammenstellte
und zu dem L. Binyon das Vorwort
schrieb.

Eine Zeitlang verblieb er noch bei diesem
Künstlertrotz. Als in der Mitte der neunziger
Jahre Haden den Herkomerschen Monotypien
und „Spongotypien", diesen unkünstlerischen,
schwächlichen Braunmalereien auf Kupferplatten
, Zutritt zu den Painter-Etcher-Ausstel-
lungen gewährte, trat Strang hiergegen auf
mit der ganz richtigen Begründung, daß das
gar keine Originalgraphik (die statutengemäß
gefordert wurde), sondern mechanische Reproduktionen
seien. Gegenüber der „gefälligen
Kunst" drang er wiederum nicht durch, und
er sowie Cameron traten aus der Gesellschaft
der Painter-Etchers aus.

Dann aber wendete sich das Blättchen, äußerlich
wie auch innerlich. Strang war als Mensch
eine durchaus bejahende Natur, im tiefsten
Innern ein sogenannter „guter Kerl", dem ein
frischer Witz, glücklicher Humor und allseitiges
friedliches Betragen die Hauptsache war.
Wenn man sieht, wie er sich in seiner zweiten
Lebenshälfte mit der Welt, wie sie einmal ist,
abgefunden hat, so kann man sich nicht genug
darüber wundern, daß er in der Jugend so
viele Jahre einen Kampf um die hehre Kunst
durchgeführt hat.

Freilich baute ihm das Geschick goldene
Brücken. Zunächst kam doch allmählich die
Anerkennung für das, was er geleistet, nicht

zum wenigsten infolge des Erfolges, den er
bei uns in Deutschland gehabt hat. Hier erhielt
er seine erste goldene Medaille für Malerei
(1897), und hier gelang der wohl auch
erste Verkauf eines Gemäldes, der rein aus
sich selbst heraus, ohne Zuhilfenahme irgendwelcher
„Verbindungen" und sonstigen Rücksichten
zustande kam. Heute geht, durch die
traurigen Zeitläufte bedingt, die Abwanderung
von der Malerei zur Graphik vonstatten. Schon
seit Jahren gibt es reine Graphiker, die sich
lediglich durch das Schwarzweiß nicht nur
einen Namen machen, sondern auch Schätze
bergen. Vor einem Menschenalter war das nicht
der Fall, und namentlich in England galt nur
der Maler. Strangs Ziel war doch immer, Geltung
als Maler zu erlangen, auch während des
Jahrzehnts, das ihn durch die Umstände auf
die graphische Bahn gezwungen hatte. Da hatte
er nun das Glück, sich mit seiner Künstlerschaft
als Maler nicht so ausgesprochen in Gegensatz
zu der Auffassung tonangebender, englischer
Kreise zu befinden, wie das bei der Graphik
der Fall gewesen war.

Das Kaminstück der „Drei Künste" ist eine
recht gute Probe seiner Malerei aus der Mitte
der neunziger Jahre. Das künstlerische Problem,
das sich diese Malerei stellt, ist in erster Linie
der volltönende, satte, reife Farbenklang. Die
Palette wird nicht von einer Naturanschauung
heraus bestimmt, auch nicht aus der reinen
Hantierung mit dem Gerät entwickelt. Sie geht
lediglich von der Farbe als leuchtendem Pigment
aus. Man mag an die venezianische Hochrenaissance
als Ausgangspunkt denken und sich
daran erinnern, was die Kunst der Reynolds,
Romney, Gainsborough, Morland, Crome usw.
daraus gemacht hat. Dann kommt noch der
Farbenrausch hinzu, den Rossetti und die Besten
seiner Gruppe unter den Präraffaeliten entwickelt
hat. Alles das bildet die Grundlage für
den Kolorismus, der die englische Malerei beherrschte
, als Strang zu malen anfing. Er liegt
ganz abseits von den Problemen, die die sonstige
europäische Malerei jener Tage erfüllten. Er hat
die ganze englische Kunst auf ein Seitengleis
geleitet, auf dem sie in sich beschlossen, eigentlich
gar nichts mehr mit der Psychologie, dem
geistigen Leben überhaupt, der Zeit gemein
hat. Diese Kunst ist von einer Menschheit
und für eine Menschheit geschaffen, die nicht
das geringste weiß von alledem, was sonst
die Köpfe in Aufruhr versetzt hat. Sie blieb
eine Konvention, deren Seele ein vorausbestimmter
Schönheitsbegriff ist. Der Farben-
zusammenklang, berstend wie ein reifer Granatapfel
, rauschend und brausend wie Orgelspiel
im dämmerigen Dom, ist ihr Alpha und Omega.

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