Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 62
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GOTTFRIED KELLER

FELSIGE UFERLANDSCHAFT

GOTTFRIED KELLER ALS MALER*)

T^Ver interessanteste Abschnitt in Kellers künstle
lerischer Lebensgeschichte ist das Kapitel München
. Im Mai 1840 kam er hin, ein einundzwanzigjähriger
, hoffnungsvoller Adept der Landschaftsmalerei
, im Herbst 1842 wanderte er zurück, mit
dem drückenden Bewußtsein, nichts oder doch
nichts Rechtes gelernt zu haben. Wie kam das?
Es war kein unbedeutender Moment in der Kunstgeschichte
Münchens, den Keller miterlebte. Er
sah den Abgang von Cornelius — in einem (ungedruckten
) Sonett hat er ihn den „König seiner
Zeit" genannt — und den Aufstieg von Kaulbach,
den seine Hunnenschlacht mit einem Schlag zum
berühmten Mann gemacht hatte, und man stritt
sich, wer der Größere sei: der Meister oder der
Schüler? Bei diesen erhabenen Historienmalern
war für Keller nun freilich nichts zu lernen und
an der Akademie gab es überhaupt keine Professur
für sein Fach. Aber andere (Kellers Landsmann
Gottfr. Steffan z. B.) kamen als Landschafter vorwärts
auch ohne speziellen Unterricht. Warum ge-
radeKeller nicht? SeinUnglück war, daß er zu Hause
saß und nach alten Zürcher Studien Landschaften
komponierte, ohne seine Anschauung an der Natur
zu erfrischen und zu bereichern. Das ist sehr merkwürdig
. Er fühlte auch die Unterlassungssünde
und redet sich gelegentlich auf den Mangel an Geld
hinaus: er könne nicht wie die andern ins Gebirge
gehen, sondern müsse in der Stadt bleiben und spa-

*) Paul Schaffner. Gottfried Keller als Maler. Stuttgart,
J. G. Cottasche Buchhandlung.

ren. Indessen — da muß doch ein Stück Selbstbetrug
mitspielen. Brauchte er wirklich auf dem Lande
mehr Geld? und mußte es denn gerade das Gebirge
sein? Die Landschaft begann ja vor den Toren der
Stadt! Er hätte im Isartal, im Englischen Garten
die schönsten Motive finden können. Es kam nicht
dazu. Statt dessen phantasierte er, angeregt durch
Daniel Fohr, „ossianische" Landschaften zusammen
und vergrub sich schließlich in die Ungestalt
des Kartons der „Mittelalterlichen Stadt". Seine
Begabung war doch nicht stark genug, um zu der
Natur in ein selbständiges Verhältnis zu kommen.

Ich weiß nicht, ob der alte Keller es gebilligt
hätte, daß man seinen malerischen Bemühungen
mit einer Sorgfalt nachgegangen ist, die sonst nur
für große Talente aufgewandt wird, aber das ist
sicher: einen gründlicheren, liebevolleren und doch
auch gerechteren Biographen hätte er nicht finden
können als Paul Schaffner. Natürlich würde auch
er die viele Mühe sich gespart haben, wenn eben
der Malerjüngling nicht mit dem „Grünen Heinrich
" identisch wäre. Die Beziehungen zum Roman
sind in der feinsten Art anschaulich gemacht und
auch die Lehrer des Knaben („Habersaat" = Peter
Steiger, „Römer" = Rudolf Meyer) sind aus dem
Schattenreichheraufbeschworen worden und haben
noch einmal Fleisch und Blut bekommen. Über
den unglücklichen „Römer" ist sogar nachträglich
ein ausführliches psychiatrisches Gutachten angefertigt
und der historischen Darstellung beigegeben
worden. Einen besonderen Vorzug des
Buches bildet die reichliche und gute Illustrierung.

Heinrich Wölfflin

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