http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0086
HANS VON MAReES MÄNNLICHES BILDNIS
Ausstellung der Galerie Thatinhauser, München
allerdings erstrebt wurde und allerdings, trotz
allen Brüchen, auch gelang. Keinem unbefangenen
Beschauer verhehlt sich, daß der gastliche
Reichtum dieser im Licht entblößten
Schulter und Brust einer Frau so sehr der
menschliche Sinn, die menschliche Spannung
des Bildes wie (freilich) seine künstlerische
Mitte ist. Ein müder Mann ist von der Reise
zu der Frau gekommen. (Auch dies Bild dürfte
übrigens heißen: Adam und Eva.) Im Mittelalter
haben die Magistrate den Kaiser, der ihre
Städte besuchte, zu gastlichen Frauen geführt.
Hier ist kein reicher Mann; hier nun ist auch
keine verschwenderische Frau; aber dieser eine
Mann, der in der Armut einer allegorischen
Blöße etwa am Gasttisch einer Vigna sitzt,
ist wie die Ankunft einer Karawane, und diese
eine bescheidene Frau mit dem milden Glanz
auf blondem Scheitel, mit dem milden Schimmer
auf der erfüllten Brust, die von der Armut
selbst so preisgegeben zu sein scheint, ist wie
die, Oase der Oasen. Das große und schwere
Pferdehaupt, Symbol der Weite, des Reisens,
hält sich still am Zaum, den ein Putto führt.
Aber das Bein, Zeichen der unendlichen Bewegung
, geht mit dem scharrenden Huf auf
der Stelle — und diese Ruhe wird nicht ewig
sein . .. Dies also ist das Bild, dem das neugefundene
zuzuordnen bleibt. Nur daß es sich
um eine andere Phase des Erlebnisses, auch
um Varianten in den Figuren handelt. Links
(vom Beschauer) steht eine harrende und sinnende
Frau in lichtblauem Kleide; sie lehnt
sich von ungefähr an eine Bank aus weißem
Marmor; rechts warten zwei schokoladefarbene
Rosse, von einem bleichgesichtigen Manne ge-
68
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0086