http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0118
menschlichen Gehaltes, noch gelangte sie zu
derselben künstlerischen Reife. Als jüngere
Schwesterkunst begann sie ihre eigentliche
Domäne — Licht, Schatten, Raumperspektive —
erst zu einer Zeit zu entdecken, als der phi-
diasische Idealstil bereits den Zenith überschritten
hatte —gegen 400 v. Chr.—, und sie
bleibt auch fernerhin eine mehr dekorative Begleitkunst
, der nicht die höchsten Lebensinhalte
anvertraut werden. Ein nur gemaltes Kultbild
z. B. wäre im griechischen Tempel undenkbar.
In der neueren Zeit hat sich das Verhältnis
der beiden Künste gerade umgekehrt.
Dennoch ist die Bedeutung der griechischen
Malerei im weltgeschichtlichen Sinne keineswegs
geringer als die der Plastik. Auch sie ist
die Erlöserin aus dem menschlich und optisch
gebundenen Denken der Primitiven, zu denen
auch die Ägypter und alten Orientalen gehören
; auch sie erkennt und begründet bereits
alle Probleme des spezifisch europäischen künstlerischen
Sehens und beherrscht schließlich alle
Möglickeiten der malerischen Darstellung auf
der Fläche, wenn sie sie auch völlig zu Ende
zu denken nicht mehr die Zeit hatte. Denn,
merkwürdig genug, entspricht dem späteren
Erwachen auch ein früheres Sterben. Plinius
nennt die Malerei zu seiner Zeit, als die Skulptur
noch Großes, die Architektur Ungeheures vollbrachte
, eine ars moriens. Der tiefere Grund
liegt in der Struktur der griechischen Seele,
die sich ihr Weltbild und ihr Weltempfinden
von einem einzigen Element aus bildet, von
der Plastizität des menschlichen Körpers. Seine
Vorherrschaft bleibt auch im ganzen Entwicklungsgange
der antiken Malerei fühlbar, selbst
in den weiträumigen späten Landschaften. Als
es dann für die antike Sinnesart kein neues
Verhältnis zwischen Mensch und Naturraum
mehr zu finden gab, erlosch die Malerei. Denn
Landschaft ohne Mensch und Menschenwerk,
nur als Raumbewegung in Luft und Licht,
ist dem Griechen ein Nichts und tot.
Das wundervolle Schauspiel der Befreiung
aus der Starre des Linearen können wir glücklicherweise
an zahllosen unmittelbaren Zeugnissen
durch Jahrhunderte verfolgen auf der
künstlerisch verzierten Tonware, die haltbarer
als alle Monumentalbilder durch fromme Gräbersitte
im Schöße der Mutter Erde geborgen
wurde. Die Entwicklung beginnt, bald nachdem
die Griechen nach der dorischen Wanderung
in ihre historischen Sitze eingerückt
sind. Im achten Jahrhundert v. Chr. wird im
sogenannten geometrischen Stil — nur scheinbar
im Rückschritt gegen Ägypter und Altkreter
— ganz kindlich, aber mit der auf das
struktive Wesen der Dinge gerichteten Denkenergie
der Griechen die Erscheinung zuerst
in ihre einfachsten Bestandteile zerlegt und
wieder zusammengesetzt. Ein Jahrhundert später
sind die Dinge bereits breit in der Fläche geordnet
, und eine erste Ahnung von großer
Form taucht auf, wohl schon von Wandbildern
her. Nicht selten wird nun die Malerei zur
epischen Erzählerkunst. Klitias, gegen 550 v. Chr.,
trägt auf umspinnenden Bildstreifen mit rührenden
Einzelheiten lange Mythengeschichten
vor, nicht ohne ein Überwuchern des Inhaltlichen
über den tektonischen Sinn. Aber Regel
im sogenannten schwarzfigurigen Stil des
sechsten Jahrhunderts ist die strenge Einordnung
des Bildes in den Gesamtbau des Gefäßkörpers
, der mit sparsamen wohlabgewogenen
Ornamenten gegliedert wird (Abb.S.go). Eine
Raumfüllung wie bei dem über Meer fahrenden
Dionysos, der den Menschen den Weinstock
bringt (Abb. S. 97), ist von schlichter, nie über-
troffener Reinheit des Rhythmus, und die Formen
der Gefäße haben eine Spannkraft der
Umrisse, die, aus innerster Zweckmäßigkeit
entsprungen, nur mit der Monumentalität der
dorischen Säule vergleichbar sind. Ihrer Kunst
bewußt nennen die Meister jetzt gern ihre
Namen. Sie zeichnen ihre Silhouettenfiguren
in messerscharfen Konturen mit breitem Pinsel
und füllen sie in archaischer Freude am
vielen oft mit einem Übermaß von Innenzeichnung
, die mit scharfem Stift eingeritzt
und mit Weiß und Rot spitzpinselig gehöht
wird. Diese Technik hat in gelockerter Form
auf bestimmten Gefäßformen bis zum Ende des
vierten Jahrhunderts weitergelebt. Aber einer
Entwicklung über das Lineare hinaus war sie
ihrer Eigenart nach nicht fähig.
Nach einer Umkehrung der Farbwerte, nun
tongrundig helle Figuren auf schwarzem Grunde,
wahrscheinlich die geniale Tat des Meisters
Andokides um 530 v. Chr., vermag jetzt die
Hand ganz anders der Empfindung zu folgen,
wenn sie die Innenlinien teils mit dem Pinsel,
zumeist aber mit einem uns unbekannten Instrumente
zieht, das fein erhöhte Linien hinterläßt
, vielleicht einer biegsamen Schweinsborste
. Der Geist ist jetzt frei zu so dramatischen
Schöpfungen, wie die des Euphronios
(Abb. S. 103), und auch das Leben des Alltags
flutet herein (Abb. S. 102 oben). Noch immer
stehen die Gestalten mit den Hauptflächen in
der Bildebene, aber ein Neues ist da: einzelne
Glieder erscheinen in Verkürzung, kühne
Rücken- und Schrägansichten werden versucht,
Dreiviertelprofile treten auf (Abb. S. 102 unten).
Wir wissen aus einer Zeile des Plinius, woher
das kommt: der peloponnesische Maler Kimon
von Kleonai hat etwa um 500 v. Chr. die obliquae
98
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0118