Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 106
(PDF, 115 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0126
perspektivisch verkleinerte Figuren aus dem
Hintergrunde gewissermaßen herauswinden —
eine unmittelbare Fortsetzung des polygnoti-
schen Systems.^

Es folgt das vierte, das klassische Jahrhundert
der Malerei, mit der streng lehrenden
Malerakademie zu Sikyon an seinem Anfang,
der raffaelischen Vollendergestalt des Apelles
an seinem Ende. Das pompeianische Alexandermosaik
, Kopie eines Gemäldes um 300 v. Chr.,
lehrt uns die Kunstmittel des Apelles: vollkommene
Beherrschung der Modellierung in
Licht und Schatten mit Auflösung der Lokaltöne
in ihre farbigen Werte und mit pastoser
Verwendung der Glanzlichter. Bis zu Franz Hals
hat die Malerei nichts grundsätzlich Neues mehr
zu finden gehabt. Nur den Kontur hat die Antike
niemals von der Herrschaft des Lichtes
antasten lassen.

Das Alexandermosaik ist bei aller dramatischen
Kraft doch letzten Endes noch ein reliefmäßiges
Schichtenbild mit Stärkstmöglicher
Tiefenanregung. Darüber hinaus führten —
schon im vierten Jahrhundert wie wir glauben
— die Lösungen in einer Hauptklasse der pom-
peianischen Figurenbilder. Immer bleiben die
Körper die eigentlich raumbildenden Werte,
aber die nun von ihnen gelösten Hintergründe
sind selbständiger Abschluß oder Ummantelung
der Figurenschicht. In einer kleinen Bilderreihe
(im sogenannten dritten pompeianischen
Dekorationsstil) stehen die Gestalten kühl und
klar vor einer konsequent durchdachten landschaftlichen
Tiefenschicht, die mit übereck gesehenen
Versatzstücken in den Vordergrund
ausstrahlt (Abb. S. uo), eine Lösung, die wir
der strengen Logik der Sikyonier zuschreiben
möchten und deren Erklärung als „klassizistischer
" Kompilationen sowohl den rhythmischen
Wert dieser Bildgedanken, wie die inneren Entwicklungsnotwendigkeiten
verkennt. Wie dann
weiterhin der Bilderraum dramatisch in ein
Dreiecksfeld erweitert (Abb. S. 111) oder umgekehrt
durch einen Haushintergrund zu intimer
Wirkung verkürzt werden kann (Abb. S. 113),
wie er bisweilen einseitig diagonal (Abb. S. 112)
oder auch breit bewegt in weite Tiefen gestaffelt
wird (Abb. S. 115), wie er endlich
durch hochgelegten Meereshorizont sich in unendliche
Ferne dehnt (Abb. S. 116), das sind
die weiteren Auswirkungen des gleichen Grundgedankens
. Von der Kraft malerischer Kontraste
in Licht und Schatten, und von dem
koketten Spielen der Körperbewegung zeugen
die bacchischen Tändeleien (Abb. S. 114).

Über den Reichtum der koloristischen Harmonien
in den pompeianischen Bildern hat
Paul Herrmann in dieser Zeitschrift (Aprilheft
1913) gesprochen*).

In hellenistischer Zeit erfolgte die Ausweitung
zum vordergrundelosen Fernbild, in welchem
die Menschengestalten nur wie Landmarken die
kräuselnde Auflockerung ferngerückter Flächen
sind. Die alten Versatzstücke, Baum, Felsblock,
Meereshorizont, wachsen mit romantischer Phan-
tastik ins Große und Weite, die vorn umrahmenden
Pfeiler und Gebälke drücken den „Prospekt
" in die Ferne (Abb. S. 108/9). Aber die
nie konsequent durchgeführte Verkleinerung der
Gestalten unterstützt diese Tiefenbewegung nur
unvollkommen, und wie wenig den Griechen das
Naturbild als solches ein Sprechendes ist, zeigt
die „Verdoppelung" des Landschaftsbegriffes
durch die hingelagerten Gestalten der alten
Ortsgottheiten mit sogar beigeschriebenen Namen
, „Quelle" (krene), „Landzungen" (aktai),
„Felsklippen" (skopeloi). Auch sind selbst Landschaftsweiten
wie die in Abb. geg. S. 97 nicht aus
sich selbst, sondern aus einem dekorativen Grundgedanken
dramatischer Art entwickelt, hier offenbar
aus dem Bühnenhintergrund. Nur eine
meist in kleinen Dekorationsbildern uns überkommene
Gattung (Abb. S. 118) staffelt mit leichter
Hand die landschaftlichen Dinge um ihrer
selbst willen, — Baum, Säule, Kapelle, Häuser,
Brücken — bis in weite Fernen, nicht ohne
wieder Mensch und Tier zu graziöser Belebung
in ihr zu tummeln. Auch hier bleibt
fühlbar, daß nicht die Raumweite als solche,
geschweige denn Luft und Licht der Kern des
künstlerischen Erlebens sind, sondern der
Mensch und seine Werke, weithingestreut über
die schöne Erde. Der Grund dieser Beschränkung
liegt, wie schon eingangs gesagt, zutiefst
im griechischen Denken, das sich das Bild der
Welt und der Götter nach dem Bilde des Menschen
macht. Aber er liegt nicht zum mindesten
auch in der griechischen Landschaft
selbst mit der greifbaren Plastizität ihrer individuell
geschwungenen Felsenberge, ihrer stillen
Meeresbuchten und sichtbar ringsbegrenzten
Ebenen, endlich und nicht zuletzt aber in jenem
geheimnisvoll reinen Lichte Griechenlands, das
den nahen Gegenstand mit feinem Umriß aus
seiner Umgebung löst und umgekehrt alle
Weite wie auf Armeslänge faßbar zur begreifbaren
Form modelliert. Heinrich Bulle

*) Weiteres in dem noch unvollendeten Tafelwerk: Paul
Herrmann, Denkmäler der Malerei des Altertums. München,
Bruckmann, seit 1906.

I06


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0126