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WANDGEMÄLDE VOM ESQUILIN
verbietenden und verengenden Kunstregeln,
jenes bittersüße Geschwätz vom allgemeinen
Schönen, woran sich der Jünger verdirbt, das
den Meister ekelt und das doch der kennerische
Pöbel als Weisheitssprüche im Munde führt".
Ist das eine glatte Absage an Lessing als Kritiker
auf dem Gebiete der bildenden Kunst?
Keineswegs. Herder weiß, daß Lessing selbst
die Worte gesprochen hat: „Es sei wohl rühmlich
, zu versuchen, sich von seinem eigenen Geschmack
Rechenschaft zu geben, aber den Gründen
, durch die man ihn rechtfertigen will, eine
Allgemeinheit erteilen, heißt, aus den Grenzen
des forschenden Liebhabers herausgehen und
sich zu einem eigensinnigen Gesetzgeber aufwerfen
." Er weiß also, daß Lessing gerade durch
seine Kritik zum eigenen Nachdenken anregen
will. Was ihn aber erregt, das ist die Wahrnehmung
, daß der Glanz der Lessingschen Dialektik
das Publikum der Museen und der Ausstellungen
so geblendet hat, daß sie darüber das
eigene Denken bereitwillig aufgeben, und daß
sich nun gerade die Denkfaulen, wenn sie das
Bedürfnis haben, mit ihrer Kennerschaft zu
glänzen, mit dem erborgten Glanz drapieren.
Herder mag lange darüber nachgedacht haben
, was man tun könnte, um diese Wirkung
aufzuheben. Er fand kein anderes Mittel, als
der Kritik mit einer Gegenkritik zu begegnen,
obgleich er natürlich fürchten mußte, daß nun
der „kennerische Pöbel" mit seinen „Weisheitssprüchen
" kaum anders verfahren würde als mit
denen Lessings.
Ob er nicht eher zum Ziele gekommen
wäre, wenn er seinem Publikum gesagt hätte:
„Verstopft eure Ohren vor jeder Kritik,
öffnet sie aber weit, wenn sich ein ehrlicher
Dolmetscher eines künstlerischen Wollens vor
einem Kunstwerk zum Worte meldet?" Wohl
kaum. Denn jeder Kritiker, auch der rücksichtsloseste
, wird behaupten, daß er ja gar nichts
weiter wolle, als ein ehrlicher Dolmetscher wahr-
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