Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 119
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— wie Heinecken — ein „gemeines Kind", sondern
behauptete, es sei „ein skrophuloser
Knabe", das linke Beinchen sei ganz verkümmert
; das ganze Bild sei reich an krassen
Zeichnungsfehlern, sei von schwächlichem Farbenauftrag
und von salopper Technik, kurz:
„hier die Hand Raffaels annehmen zu wollen, ist
kein Irrtum mehr, es ist eine Versündigung an
dem Ruhm des großen Urbinaten". Vielleicht
hätte dies „vernichtende Urteil" auf den „kennerischen
Pöbel", wie Herder etwas unliebenswürdig
sagt, gewirkt, wenn nicht sofort die
Gegenkritik eingesetzt hätte. Heinrich Wölfflin
lehrte, daß gerade das Kind auf den Armen der
Madonna wie ein Gott auf den Beschauer wirke.
„Sein Körper geht über menschliches Maß und
die Art des Liegens hat etwas Heroisches. Der
Knabe segnet nicht, aber er sieht die Leute vor
ihm an mit einem überkindlichen, festen Blick.
Er fixiert, was Kinder nicht tun. Die Haare
sind wirr und gesträubt wie bei einem Propheten
. Zwei Engelkinder am unteren Rande geben
dem Wunderbaren die Folie der gewöhnlichen
Natur."

Es ist selbstverständlich, wenn Behauptung
so schroff wider Behauptung steht, dann zwingt
das zum eigenen Sehen und zur Bildung eines
eigenen Urteils. Und der Erfolg ist denn auch
gewesen, daß wieder einmal das Urteil Goethes

zum allgemeinen Urteil wurde. Karl Woer-
mann schrieb gerade ein Jahrhundert nach
jenem Ausspruche: „Es bleibt dabei, daß Raf-
faels Madonna mit dem heiligen Sixtus zu den
wenigen schlechthin vollkommenen Kunstwerken
gehört, die die Erde trägt."

Man sieht: Kritik als solche ist nur verhängnisvoll
, kann wenigstens verhängnisvoll werden,
wenn ihr kein Gegner ersteht. Und je mehr der
„kennerische Pöbel" gezwungen wird, verschiedene
Urteil gegeneinander abzuwägen, desto
besser für ihn, für die Künstler und für die
Kunst selbst, denn das würde aus dem „kennerischen
Pöbel" verständnisvolle, warmherzige
Kunstfreunde machen.

Das gilt natürlich nicht nur in Bezug auf die
Kunstübung vergangener Zeiten, sondern erst
recht in Bezug auf die Gegenwart. Es ist daher
vielleicht zu überlegen, ob es sich nicht für Zeitschriften
und auch für Tageszeitungen empfiehlt
, bei wichtigeren Kunstereignissen Meinung
und Gegenmeinung zu Worte kommen zu
lassen. Die Gefahren einer Verwirrung der
Köpfe dünken mich gering gegenüber dem
großen Gewinn einer Selbständigmachung des
künstlerischen Urteils, einer Erziehung, ja mehr
als das, einer inneren Umwandlung des „kennerischen
Pöbels".

München Theodor Volbehr

KENTAUR VON MÄNADE GEZÄHMT

II9


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