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WILHELM STEINHAUSEN f
Am 5. Januar 1924 ist in
Frankfurt a. M. nach langem
Leiden, das ihn seiner gesegneten
Arbeit entzogen hat,
Wilhelm Steinhausen im beinahe
vollendeten 78. Lebensjahre
gestorben. Der Heimgang
des Künstlers schließt
eine große Periode der mainfränkischen
Kunst ab. Steinhausen
war der letzte Vertreter
der in Frankfurt im 19. Jahrhundert
zu hoher Blüte gelangten
nazarenischen Kunst,
insofern diese eine gefühls-
und gemütsmäßige Erfassung
und Auswirkung religiöser
Kunstweise war. Von dem jungen
Cornelius und von Rethel
ausgehend, hat sie in Ph. Veit
und in E. Steinle ihren Cha^
rakter stark ausgeprägt, ist in
Schwind ins Romantische abgebogen
und hat in Steinhausen ihren letzten und
namhaftesten Anhänger gehabt, allerdings auch
hier wieder in besonderer Eigenart.
Steinhausens ganze Kunst fließt aus dem Boden
innig religiöser, evangelischer Gläubigkeit, verbunden
mit hoher geistiger und kultureller Auffassung
und einer ungemein starken Vertiefung
in das Wesen der deutschen Kunst. Mit dieser
seiner persönlichen Einstellung auf die Kunst und
auf sein Schaffen stand er abseits von den Strömungen
und Kämpfen um die neue deutsche Kunst,
die meist sich auf technische, zeitkulturelle oder
soziale Probleme bezogen. Es ist verständlich, daß
Steinhausen mit seiner eigenartigen Stellung im
Kunstschaffen seiner Zeit nicht den durchdringenden
Erfolg gehabt hat, der seiner vornehmen und
edlen Kunst gebührt hätte. Weder das amtliche
Kirchentum. noch das Durchschnittskennertum hat
sich für die Kunst Steinhausens stark eingesetzt.
An äußeren Ehren und Anerkennungen hat es
Steinhausen zwar nicht gefehlt. 1900 wurde er kgl.
pr. Professor, 1906 Dr. h. c. der theologischen Fakultät
zu Halle; auch die Ehrenmitgliedschaft verschiedener
akademischer Körperschaften ward ihm
zuteil. An großen öffentlichen Aufträgen hat Steinhausen
Bedeutendes und Eigenartiges geleistet:
so die Ausmalung des Theobaldistiftes zu Wernigerode
, den Freskozyklus der sieben Barmherzigkeiten
zu Ober-St.-Veit bei Wien für den Grafen
Lanckoronski, die Malereien in der Aula des Friedrichsgymnasiums
zu Frankfurt (Darstellungen zur
humanistischen und christlichen Erziehung), Bilder
aus dem Leben Christi für Bremen und Stuttgart
, Werke, die er durch die Ausmalung der Lukaskirche
zu Frankfurt-Sachsenhausen in einzigartiger
und in Deutschland ohnegleichen dastehender
Weise gekrönt hat.
Auch die Tafelmalerei Steinhausens ist von
seiner religiösen Gesinnung unterströmt. Seien es
die hellen, freundlichen Gebiete Mainfrankens oder
des Odenwaldes, oder seien es die lichtvollen Gestade
des Bodensees, oder die lieblichen Ufer des
Genfer und des Neuenburger Sees: immer läßt
Steinhausen den Charakter
seiner Landschaften mit religiöser
Inbrünstigkeit sprechen
. Es ist eine höchste, feine
Kunst von Natursymbolik, die
auch in den zahlreichen Waldlandschaften
vom Hunsrück,
wo Steinhausen ein kleines Gut
besaß, von Eichendorffscher
TiefeundNaturseligkeitist. Zu
dieser poetischen Naturverklärung
in der bildenden Kunst
kam Steinhausen über das Märchen
und die Legende. Diesen
poetisierenden Weg war der
Künstler in seinen frühesten
Schöpfungen gegangen, als der
Frankfurter Baumeister S. Ravenstein
ihn zur Ausschmük-
kung seiner Bauten mitMosai-
ken, Sgraffitti, Decken- und
Wandmalereien Mitte der siebziger
Jahre nach Frankfurt gezogen
hatte. Seit dieser Zeit war der Niederschlesier
Steinhausen (geb. 2. Febr. 1846 zu Sorau), der in
Berlin seine künstlerische Ausbildung genossen
hatte, ein Süddeutscher geworden. Studien in
Karlsruhe (Canon und Gude), in Straßburg und
in München, sowie eine Italienreise anfangs der
siebziger Jahre weiteten den Gesichts- und Kulturkreis
Steinhausens.
Eine besondere Stelle im Malwerk Steinhausens
beanspruchen seine trefflichen Bildnisse, deren
er eine große Reihe meist aus dem Verwandten-
und Bekanntenkreis geschaffen hat.
Auch in der Graphik hat der Künstler durchaus
eigene Wege betreten. Seinen frühen, im Holzschnittstil
empfundenen Werken, Bibellesezeichen,
Geschichte von der Geburt des Herrn, Schneewittchen
, Illustrationen zu Brentanos Gedichten
usf., fügte Steinhausen die malerisch und dekorativ
empfundene Illustration zur Chronika eines
fahrenden Schülers bei und erweiterte diese mehr
illustrative Tätigkeit durch ein großes Steindruck-
und Radierwerk.
Das Kunstwerk Steinhausens ist in seinem Leben
begründet. Er ist von Jugend an religiös-romantische
Wege gegangen und hat in seiner in
Frankfurt begründeten Familie die religiös-romantische
Atmosphäre geschaffen, die der Untergrund
seiner ganzen Kunstweise gewesen ist. Das
kleine Haus in der Wolfsgangstraße barg eine
Fülle von Familien- und Freundschaftsglück. Güte
und Gastfreundlichkeit in alttestamentarischem
Sinne walteten bis in die Patriarchenjahre des
Künstlers in seinem von froh heranblühenden
Kindern belebten Hause. Die letzten Lebensjahre
Steinhausens waren durch seine eigene Krankheit
und durch die seiner Frau von schweren Wolken
überschattet. Seiner vor wenigen Monaten verstorbenen
treuen Lebensgefährtin ist der Meister
nun rasch gefolgt. An seinem Grabe trauern nicht
nur seine Familie und Freunde, sondern vor allem
die evangelische und die deutsche Kunst, der er
Eigenes und unvergänglich Großes gegeben hat.
Dr. J. A. Beringer
Die Kunst für Alle. XXXIX
145 J9
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