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W. MÜNCH-KHE
HO HENTWIEL-WAN DERER
das reine Leuchten des Himmels, aus dessen
getürmten Wolkenballen silberne Strahlen auf
den strömenden Glanz der Flut niederfallen.
Die ersten dieser Blätter erscheinen rein
graphisch betrachtet noch etwas zu gleichwertig
mit ihrer durchgehenden Helligkeit und
den scharfen Konturen. Bald aber wird die
ganze Stufenleiter der Töne vom strahlenden
Weiß über silbernes Grau bis ins samtene
Schwarz durchmessen, etwa in einer Winterlandschaft
mit nächtigem Himmel über weiter
Schneefläche und einer graubeschatteten Felsgruppe
, auf der gespenstige Raben hocken,
oder in der starken Silhouette einer Baumgruppe
überm See gegen hellstes Sonnenlicht
— reines Spiel der Kontraste, und im Raum
verteilt eine Fülle von feinen Übergängen. Auf
andern Blättern wieder ein natürlicher Rahmen
von federfeinem Laubwerk um einen Lichtkegel
von blendender Helligkeit; inmitten ein
paar schlanke Menschengestalten, ein Liebespaar
, eine Reitergruppe, Wanderer, Jäger, Badende
, Fischer und Ruderer, zierlich im Umriß
, bei aller kompositorischen Bestimmtheit,
ganz silhouettenhaft, von einer preziösen Anmut
und figuralen Geschmeidigkeit, die in die
ruhige Größe und Schönheit der Landschaft
eine feine Unruhe trägt — ein lebendiger
Angelpunkt, der alle räumlichen Zusammenhänge
erst erfaßt und gliedert. Denn dies
ganze Seevolk, das einen Waldweg herniedersteigt
, einen Strand erfüllt oder im schlanken
Boot eine weitgedehnte Bucht durchfährt, gehört
mit all seiner geschäftigen Regsamkeit,
seiner gespannten Wachsamkeit oder traumversunkenen
Andacht organisch hinein in die
größere Umwelt dieser glücklichen Ufer, in
die selige Stille und ewige Bewegung des Elements
.
Gerade die Art, wie hier der Mensch in die
Natur gestellt ist, weder als dekorative Attrappe
, noch als ausschließlicher Mittelpunkt
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