Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 164
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Ihre Seele aber lebt in jenem Abschnitt der
Vergangenheit, in dem sie wirklich zu Hause
ist; und ist es eine künstlerisch begabte Seele,
so werden ihre Schöpfungen unverkennbar die
Stilmerkmale jener Zeit tragen.

Es hat durchaus nichts Willkürliches, wenn
wir auch eine retrospektive Erscheinung wie
Theodor Baierl in diesem Sinne zu deuten
suchen. Im Gegenteil: wir werden sie überhaupt
nur dann ganz verstehen und nach ihrem
Wert zu schätzen vermögen, wenn wir sie aus
dieser Perspektive betrachten. Man denke auch:
lebt da mitten in unserem expressionistischen
Zeitalter, dessen Ideale alles andere eher als
die Minnesängerzeit und die Frührenaissance
sind, ein Maler, auf dessen Staffelei in anmutiger
Folge Bilder entstehen, die nicht in München
um 1920, sondern in Mailand, Florenz
oder Perugia um 1480 oder 1500 gemalt zu
sein scheinen. Was soll man dazu sagen? Ist
das eine Maskerade oder dergleichen? Nun,
man sehe sich, wenn man das vermutet, einmal
ein paar dieser Bilder aus unmittelbarer
Nähe an, meinetwegen sogar mit dem Vergrößerungsglas
, wie das die Kunstfreunde der alten
Zeit zu tun pflegten. (Die Bilder Baierls vertragen
es sehr gut, daß man so nahe an sie
heranrückt.) Was zeigt sich da dem überraschten
Blick? Wir bestaunen eine Malerei von
einer technischen Güte, die heute bereits ein
Märchen geworden ist. Und dabei sieht das
alles gar nicht aus, als sei es nach irgendeinem
Rezept peinlichst genau „rekonstruiert", sondern
es wirkt so logisch und gewachsen wie
auf den Bildern aus dem Quattrocento. Kann
das Maskerade, also ein Versteckspiel oder eine
Affektiertheit aus irgendwelchen außerkünstlerischen
Motiven sein? Niemand wird das
glauben, der sich diese Bilder genau angesehen
hat. Aber etwas anderes wird der Fall sein:
er wird das Gefühl haben, daß diese Kunst
in ungewöhnlich hohem Grade die Fähigkeit
besitzt, zu beglücken. Und er wird dann gar
nicht mehr fragen, wie diese Wirkung zustande
kommt, ob durch eine Technik von heute oder
von einstmals, sondern er wird sich ohne Besinnen
dem beseligenden Eindruck dieser Bilder
hingeben. Daß dies aber so kommen kann
und kommen muß, beweist mehr als irgend
etwas anderes die Echtheit dieser Kunst. Sie
ist nicht willkürlich erklügelt, sondern das Produkt
eines inneren Zwanges. Und wie ist dieser
zeitwidrige Zwang zu erklären? Wir haben
es bereits gehört: Baierl ist durch ein Versehen
des Schicksals um fast ein halbes Jahrtausend
zu spät und statt in Italien in Deutschland zur
Welt gekommen. So wandelt er als ein richtiges
Wunder mitten unter uns und sieht in

seiner ganz anders gearteten Umwelt fast so
fremdartig aus wie gewisse Bäume und Tiere,
die sich aus einer früheren Entwicklungsperiode
der Erde erhalten haben und gar nicht zu unserer
Flora und Fauna passen wollen.

Die archaistischen Instinkte Baierls wirken
sich vor den Augen der breiteren Öffentlichkeit
erst seit einigen Jahren aus. Früher war
der Name des Künstlers nur verhältnismäßig
wenigen bekannt, denn Staffeleibilder malt er
erst seit 1918, und ausgestellt hat er vor dieser
Zeit überhaupt nicht. Wollte man damals etwas
von Baierl sehen, dann mußte man in München
oder in der Provinz in Kirchen gehen, die er
mit Fresken geschmückt hat. Die Wandmalerei,
und zwar in echter Freskotechnik, wie sie die
alten Italiener angewandt haben, war nämlich
bis vor wenigen Jahren das Hauptarbeitsgebiet
Baierls. Er hat wohl auch Entwürfe für Glasmalereien
geliefert und sonst noch allerlei gemacht
, was im Leben eines Malers, dem das
Ausschmücken von öffentlichen und privaten
Räumen künstlerisches Ziel ist, gelegentlich anzufallen
pflegt. Aber in der Hauptsache war
er Freskenmaler. Aus der Fülle dessen, was
er auf diesem Gebiete geschaffen, seien als
charakteristische Beispiele nur die Apsis in der
Maximilianskirche in München, Altarbilder und
Kreuzwegstationen in der Stadtpfarrkirche zu
Pfersee bei Augsburg, Apsiden in der Stadtpfarrkirche
in Schweinfurt und ein Altarbild
(das zugleich Kriegergedächtnisbild ist) in einer
Fuggerschen Kapelle bei Kirchheim in Schwaben
genannt. Es versteht sich von selbst, daß
diese Bilder, die Räume in einem ganz bestimmten
alten Stil zu schmücken haben, sich ihrer
Umgebung anpassen. Und jedenfalls ist die
Fähigkeit der Einfühlung in den Geist der Vergangenheit
, die Baierl in diesen Arbeiten bewiesen
hat, nicht so häufig, als daß sie nicht
gerühmt zu werden verdiente.

- Der Besteller der meisten dieser Bilder war
der Staat, oder die Mittel dazu wurden von
regierenden oder nicht regierenden Fürstlichkeiten
zur Verfügung gestellt. Das änderte sich
seit der Revolution so gründlich, daß Baierl
gezwungen war, sich „umzuorientieren". Als
einziger Ausweg bot sich das Staffeleibild. Aber
es war für einen, der vom Fresko und aus
der Kirche kam, nicht ganz leicht, sofort den
richtigen Weg zu finden. Baierl sah sich plötzlich
mitten in den modernen Zwiespalt der
Meinungen und in den Kampf der Stile und
Richtungen versetzt. Er versuchte also zunächst

— wie eine aufsteigende Brieftaube, die erst
Witterung nimmt, bevor sie den Flug beginnt—,
sich mit den hauptsächlichsten Richtungen durch
die Praxis auseinanderzusetzen. Das fiel ihm

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