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matteo de'pasti
leo battista alberti (vorder- und rückseite)
Stuttgart erscheinen läßt, hätte in Händen halten
dürfen! Hier werden uns auf 100 prächtigen
Tafeln die stolzen Serien einer etwa 100 Jahre
umfassenden Produktion, zwischen 1440 und
1550, in Originalgröße nach Aufnahmen vom
Original, nicht vom Gips, vorgeführt; dazu hat
Habich einen Text geschrieben, der das Wachstum
, die Entwicklung, Ausbreitung, Glanz und
Verfall dieser „monumentalen Visitenkarte" in
kluger, alle Probleme berücksichtigender Weise
aufzeigt; auf tiefer Vertrautheit mit der Kultur
und Geschichte der Renaissance ruhend, bringt
er die Fülle des biographischen wie allegorischdichterischen
Stoffes auch dem Unvorbereiteten
nahe. Die Liebe zu diesen feinen, aber festen
Bronzetondi kann nicht erworben werden ohne
herzliche Versenkung in eine Vergangenheit,
die nicht die unsrige und die nicht Gegenwart
ist. Mit dem bloßen „Geschmack", den man
vielleicht hat, kommt man
wieder einmal nicht aus.
Deshalb entstand ein Buch
zum Lesen und Studium,
nicht zum Blättern. Aber
die Kunst ist auch nicht für
die Genüßlinge da, sondern
für die Besinnlichen, die
Sammlung und Vertiefung
suchen. Friedrich Naumann
hat das schöne Wort geprägt
: „Kunst ist, was die
Seele beruhigt".
Natürlich ist die italienische
Medaille des 15. Jahrhunderts
uns Heutigen
nicht ein Vorbild, dem wir
ohne weiteres folgen könn- niccolo
ten oder sollten; aber sie fiorentino
offenbart ewige Gesetze und behütet uns vor
dem Irrweg der französischen Kunst. Zunächst
ist ihre Monumentalität imponierend, die ruhige
Klarheit des Vorderbildes, meist ein Porträt
im Profil mit kluger, klarer und hoher Rahmung
durch die Schrift. Das Verhältnis vom
Grund zum Bild ist ebenso wichtig wie das
letztere selbst. Der Italiener liebt nun einmal
die Fläche und die Natur bestärkt ihn darin —
denn jeder Frauenleib ist vor allem Fläche; so
gibt er gern viel ruhigen Grund, aus dem sich
dann das nicht zu große Porträt wie verwundert
aus der Tiefe heraushebt. Wir Heutigen geben
den Kopf oft zu groß, so daß auch eine Umschrift
in Antiqua-Majuskel nicht genug Grenze
gibt. Die Dimensionen der alten Medaille sind
bescheiden; das Monumentale liegt nicht in der
Größe des Ausmaßes. Wenn man einem Freund
ein Geschenk macht, spricht man ja auch nicht
laut. Jede Deklamation ist
vermieden, der Dargestellte
muß sehr schlicht erscheinen
, sonst wirkt sein Kopf
pathetisch und das paßt
dann für eine Feststunde,
aber nicht für die Dauer. Vor
mir liegt auf dem Schreibtisch
die Medaille auf Leon
Battista Alberti, die Matteo
de' Pasti gegossen hat. Seit
zwanzig Jahren sieht mich
dieses kluge, ruhige, feste
Gesicht wohl täglich einmal
an, immer wieder mit
demselben stillen und gütigen
Auge. Wie könnte
costanza er das, wenn er laut redete!
ruccelai Und nun die Rückseiten: da
Die Kunst für Alle. XXXIX.
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