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DIE NEUEN MONUMENTALBILDER THORN-PRIKKERS
IM KREFELDER KAISER-WILHELM-MUSEUM
Thorn-Prikker, der Meister der Glasfenster
der Neußer Dreikönigenkirche, entwickelt
sich immer mehr zu unserem größten Monumentalmaler
. Nach seiner Berufung an die Düsseldorfer
Akademie lag es nahe, dem Künstler
zum ersten Male große Wandflächen zur Verfügung
zu stellen. Die Stadt Krefeld, wohin
der Künstler schon vor achtzehn Jahren aus
Holland zu einem Lehramt an die Kunstgewerbeschule
berufen wurde, gab ihm vor kurzem
den Auftrag, vier große Wände eines
Saales im Kaiser-Wilhelm-Museum mit Darstellungen
der Lebensalter des Menschen auszumalen
, um damit gleichzeitig ihre Dankesschuld
für die überaus wirksame Lehrtätigkeit
Thorn-Prikkers abzustatten. Das Museum besitzt
nunmehr in den Wandmalereien seines
Marmorsaales Werke, die der Künstler in der
Reifezeit seines Lebens bis in alle Einzelheiten
selbst ausführte.
Die Zeichnung erfolgte mit Kohle unmittelbar
auf die Wand, ohne Kartons und Vorzeichnungen
. Nur in photographischen Aufnahmen
erhalten, zeigen sie im einzelnen große
Feinheiten von unmittelbar intuitiver Wirkung,
die später verloren gingen. Aber es mußte das
Bestreben des Künstlers sein, dem Ganzen zuliebe
jede noch so gelungene Einzelheit zu
größter Klarheit der Farbe in der Strenge des
Liniaments zu steigern. Für die Bemalung wurden
Erdfarben mit Kaseinbindung verwandt.
Ursprünglich sollte in den vier Feldern des
Marmorsaales die „Lebensalter des Menschen"
vor dem Hintergrunde der einzelnen Jahreszeiten
zur Darstellung kommen. Dieses Thema
wurde vom Künstler nicht buchstäblich innegehalten
. Jugend-, Jünglings- und Mannesalter
kamen zur Darstellung. Ein eigentliches Greisenalter
jedoch will der Künstler nicht anerkennen
. Das Alter ist für ihn die Stufe neuer
Jugend, der Übergang zu einem anderen geistigen
Leben, zu einem Fortleben nach dem Tode,
eine Wandlung zu höheren Wandlungen. Der
Zyklus wird daher besser das „Leben" genannt.
Ein Werden und Vergehen, ein Emporblühen
und Welken in den beiden großen Türfeldern.
Hier baut sich hinter der Jugend, am Quell
des Lebens, ein Felsenplateau mit stark emporstrebendem
Liniament auf, umrahmt von der
älteren Generation, den Eltern, Lehrern und
Weisen, die die Ankunft des neuen Menschen
begrüßen, über seine Zukunft nachdenken und
disputieren. Auf der anderen Seite „Welken
und Vergehen", angedeutet durch Friedhofmauern
und Gräber, Gestalten von Auferstandenen
, deren Körperlichkeit noch mit der Erde
verbunden ist, jedoch in der geistigen Struktur,
der Askese des Körperlichen, in eine andere Welt
hineinragt. Kämpfende Eulen, Symbole der Weisheit
, deuten den Kampf über die große Schicksalsfrage
„Jenseits des Grabes" an. Zwischen
Friedhofmauern ragen Tannen auf, schwarz,
grau und morsch, von Sturm und Wetter zerzaust
, mit spärlichem Grün, eine Verschmelzung
von Leben und Tod.
Dahinter steigt die Welt des Ewigen visionär
in seltsamem Lichte hell und dunkel auf. Während
diese beiden Felder eine starke Mystik
atmen, sind die beiden anderen Felder zwischen
den Marmorsäulen dem blühenden Leben gewidmet
. Jüngling und Jungfrau in farbiger
Blütenlandschaft des Frühlings. Das Leben ein
Spiel. Der Jüngling mit dem Ball zwischen
springenden Hunden, ein Bild frohbewegten
Lebens. Im zweiten Felde Sommer und Herbst
in der Reife des Lebens, ein Menschenpaar
in fruchtbarer Landschaft. Die Landschaft ist
auf beiden Bildern voller Symbolik. Der Blütenbaum
, der mit vielen Wurzeln Halt sucht in
der mütterlichen Erde, gleicht dem Jüngling,
während auf der anderen Seite Apfelbaum und
Erntefeld mit der Darstellung wieder in Verbindung
stehen. So ragen die Werke in eine
überpersönliche allgemein menschliche Sphäre
hinein. Wie eine Vision tauchen die Gestalten
aus dem Strom der Menschheit auf ohne individuelle
Charakterisierung, schemenhaft in durchaus
geistiger Prägung, umflutet von hellem
Lichte, kristallklar wie die Luft der Berge.
Von eindrucksvoller Gewalt ist der einheitliche
Zug des Ganzen, ein Werden und Emporwachsen
, dann eine ebenmäßige Geschlossenheit in
der lebendigen Existenz und harmonischen
Durchbildung schöner Körper, schließlich ein
Welken und Zusammenbrechen.
Wichtig für die Zusammenfassung der einzelnen
Felder innerhalb des Raumes ist die
Aufteilung der Wände durch ein lineares System,
dessen Maße sich aus dem Gesamtraum an den
Wänden ergaben. Je zwei Wände wurden bis
zur Mitte des Saales zusammengefaßt und die
einzelnen Felder durch die Zwei- und Dreiteilung
in einem Liniennetz aufgeteilt. So entstanden
Schnittpunkte, die für die Hauptblickpunkte
der einzelnen Bilder wichtig sind und
in jedem Einzelbilde besonders hervorgehoben
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