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HAMBURGER
KUNSTBRIEF
Bildende Kunst pflegt
man in Hamburg einigermaßen
wie das solide
Geschäft: vorsichtig und
zurückhaltend, aber doch
nicht rückständig und
ohne gelegentliches Wagnis
. Das gutwillige, nicht
eben vorgeschrittene
breite Publikum bedarf
der Schonung, die, wenn
sie absichtsvoll erzieherisch
, sozusagen mit propädeutischem
Geschick
gehandhabt wird, des Erfolges
sicher sein darf. Die
Kunsthalle und die neubegründete
Gesellschaft
ihrer Freunde hat gute
Absichten und ein verläßliches
Arbeitsprogramm,
das sich vorläufig mehr
in sicheren Breiten als
nach sucherischen Tiefen
zu entwickelt. Mit zwei
Porträten von Münch, deren
zündend-farbige Intensität
eines leuchtenden
Blau, verbunden mit
einer außerordentlichen
Stärke des Psychologischen
, eine unverminderte
Schöpferwucht desKünstlers
bekunden, ist mancher
Fehlschlag zeitgenössischer
Erwerbungen
der letzten Jahre korrigiert
.— Durch Einfügung
der Schenkung Amsinck
mit vorzüglichen Beispielen
der Landschaft von
Fontainebleau und einigen ausgezeichneten Menzels
, ließ sich eine teilweise Durchordnung der
Galerie ermöglichen. Nimmt man die Leihgabe
der Grönvoldsammlung hinzu, die eine treffliche
Ergänzung der Hamburger des frühen 19. Jahrhunderts
bedeutet, so mag die Kunsthalle heute
vielleicht den besten Begriff von europäischer, nicht
nur von deutscher Malerei seit 1800 zu geben. Es
gibt sogar mancherlei, was man selbst in der Nationalgalerie
nur ungern entbehren muß, vorzüglich
unter den großen Franzosen der Sammlung
Theodor Behrens — wenn man nur beruhigende
Aufklärung über den scheinbar verdächtig begonnenen
Abbau dieser Tribuna impressionistischer
Kunst erhalten könnte. Einer der besten Ce-
zannes und Van Goghs „Irrenhausgarten" sind
seit einiger Zeit verschwunden und scheinen nicht
mehr zurückfinden zu sollen.
Die inoffizielle, private Kunstpflege reicht von
den Hamburger Nachimpressionisten bis zu Otto
Dix, mit dem man gleichzeitig Karl Hofer und
Emil Nolde sehen kann, der für die Hamburger
durch Sauerlandt sanktioniert wurde. Einheimische
Künstler im arrivierten Alter führt die mit viel
Optimismus und erfreulichem Unternehmungsgeist
neubegründete und mit einem echt kunstpolitischen
Idealismus geleitete Galerie Hofmann
BRUNO BERAN
Ausstellung in Brakls Kunsthaus, Miinrhen
BILDNIS
an den Kolonnaden. Der Besitzer empfängt selbst
als Hausherr und versteht auch widerstrebenden
Gästen jene Achtung vor dem Kunstwerk abzunötigen
, aus der bei nicht ganz Verstockten einmal
Liebe werden kann. Von der idyllischen Landschaftskunst
Fritz Friedrichs und Ahlers-Hester-
manns bis zur Povorina-Hestermann und Alma Del
Banco entfaltet sich eine gepflegte Palette vom
farbigen Reichtum bis zur sinnlichen Üppigkeit.
Das historisch ebenso wichtige wie künstlerisch
wertvolle Zwischenspiel zwischen dem landläufigen
Im- und Expressionismus behauptet hier
einen qualitativen Rang, wie er sonst nur von
dem zu schnell vergessenen Götz von Seckendorff
erreicht wurde. Fast hebt sich der Eindruck einer
von starken Talenten getragenen einheitlichen
Schule von hochkultiviertem, malerischem Geschmack
und bildmäßigem Gestaltungsvermögen
ab. Es gibt auch in Hamburg modernere, meinetwegen
zeitgemäßere Künstler, die anläßlich ihrer
zu erwartenden Frühjahrsausstellung nicht un-
besprochen bleiben sollen. Hier aber ist eine
wenn auch begrenzte Vollkommenheit erreicht,
die man nicht geringer schätzen sollte als Kampf
und Ringen der noch Strebenden.
Das graphische Kabinett Maulhardt in der
Caffamacherreihc verspricht in Hamburg die füh-
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