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LEANDER ENGSTRÖM
BADENDE
sitzt: die Krüppelbirken mit ihren Polypenarmen
, die zwei Zirruswölkchen, die schneebedeckten
Berggipfel, der silberne Wasserfall,
alles ist homogen mit der Hauptfigur zu einem
Ganzen verschmolzen ;keineVersatzstücke,keine
nach Kompositionsrezepten postulierten Ausfüllungsstücke
.
Ein Künstler, der so phantasiereich ist, der
für das Linienspiel der menschlichen Figur so
ein empfindliches Augenmaß und so einen rhythmischen
Sinn besitzt, für den wird zuletzt der
Rahmen des Staffeleibildes zu eng: auf Wänden
muß er seine Leidenschaft festhalten.
.... und da reist Per Leander Engström
nach Italien, um die Meister des Freskos: die
Pompejaner, Etrusker, Tre- und Quattrocenti-
sten kennenzulernen, macht also den entwicklungsgeschichtlichen
Krebsgang durch von
Cezanne zu Giotto, anstatt wo es umgekehrt
sein sollte. Was in Italien entsteht, ist nur vom
entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt interessant
: die negroiden Italienerinnen mit Fruchtkörben
auf dem Kopf oder am Arme, ja selbst
die auf schwedischem Boden entstandenen rosafarbigen
„Badenden" wirken eher wie eine Stellungnahme
zu einer dort erschauten Kunst, wie
eine Auseinandersetzung mit den früheren Idealen
, wie Studien, Details für eine noch ausgebliebene
Monumentalmalerei. Die Landschaften
dagegen wie z. B. die Assisilandschaft mit
den wie Goldtrauben durchsichtigen Bäumen im
Vordergrunde, die eigentümliche Marine aus
Viareggio, mit dem im Profil festgehaltenen
„frisierten" Wellengange, die Marmorbrüche aus
Forte dei Marmi klingen völlig an seine Lappo-
nica an: das Milieu ist ein anderes, das Malerauge
ist ja das gleiche. In der Behandlung des
Gegenständlichen macht sich jedoch eine gewisse
Härte bemerkbar.
Der Einfluß der toskanischen Wandmaler hat
auf Engströms Kunst fördernd und befreiend
gewirkt. Nun wird ganz entschieden mit dem
Valeurmalen von dazumal aufgeräumt. Der
Maler erträumt sich jetzt eine neue Welt, deren
Fazies sich streng im Rahmen einer Formenaskese
, aber Farbensinnlichkeit hält. Da darf nichts
Zufälliges mehr aufgenommen werden! Von
allen Bewegungen wird die Zweckmäßigste, d. h.
optisch am meisten überzeugende gewählt. Dies
geschieht rein intuitiv wie eine Gestikulation
eines Taubstummen, weshalb man schlechthin
von einer absichtlichen Stilisierung nichts bemerkt
. Man betrachte sein ,,al fresco" ausgeführtes
Wandgemälde im Stadshuset (Rathause)
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