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CHARLES JAECKLE BÜSTE DES BILDHAUERS HUBERT NETZER
nicht, zugleich seinen persönlichen Stil zuhaben,
je stärker und ausgeprägter, um so besser. Er
konnte ihn aber zur Not entbehren, und solange
er nur den Stil seinerzeit in seinem Werk
ausdrückte, oder seinem Werk den Stempel
dieses Stils unverkennbar aufdrückte, stand er
in der Kunst. Glückliche Zeiten.
In unserer muß es der persönliche Stil allein
machen und wo er fehlt, ist das Werk, weil
stillos, auch sofort wertlos, auch stilistische Archaismen
können nichts helfen.
Besonders Eine Kunst gibt es, wo der Stil
geradezu alles ist (und von der deshalb der
Laie weniger versteht als von jeder anderen):
die Plastik. Eine stillose Plastik ist das wertloseste
und sinnloseste Ding von der Welt, die
Plastiker, soweit sie Künstler sind, wissen es,
und ihrem Werke Stil zu geben, ist ihre ma-
gistrale Sorge. Diese Sorge kann mehr oder
weniger bewußt sein. Wir haben alle einen Berühmten
gekannt, bei dem sie in seltenem Grade
bewußt war und alles, was er erreicht hat, verdankte
er fast ausschließlich dieser geistigen
Helligkeit. Weiter führt, wenn die schöpferische
Kraft groß genug ist, der eingeborene dunkle
Trieb, der künstlerische Instinkt, mit andern
Worten, das naive Künstlertum. Dieses geht
seinen Weg sicherer; wie weit es ihn aber geht,
hängt von anderen Faktoren ab.
Ein solcher Künstler war Charles Jaeckle,
aus der Schule von Wilhelm v. Ruemann hervorgegangen
, in die er bereits mit 16 Jahren eingetreten
ist. Er hat eine wundervolle nackte Figur
geschaffen, die er bald „Das Lied", bald den
„Schreitenden Knaben" nannte, die ihm aber später
nicht mehr genügte, wie sehr andere davon
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