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wird; bald wird sie im abstrakt-dekorativen Spiel
der Linien, bald mit leuchtend-heiterer Farbe,
einem strahlenden Goldgelb und schillerndem
Hellblau, in der behaglichen Ruhe des Idylls
geschildert (auf der Heimsuchungstafel eines
teilweise erhaltenen Marienaltars dieser Zeit,
München, Nationalmuseum, und Berlin, Bibliothek
des Kunstgewerbemuseums). Es kann
nicht ausbleiben, daß Ausbrüche jenes unterirdischen
barocken Elements die Ruhe dieser
Renaissancegesinnung stören; zugleich aber
wird ihm am Hofe des humanistisch feingebildeten
Passauer Bischofs, dessen Hofmaler
er seit einigen Jahren geworden war, die Bekanntschaft
mit italienischer Kunst. So entsteht
um 1530 das große Gemälde der Kreuzerhöhung
(Wien, Abb. S. 217), zu gleicher Zeit
leidenschaftlich bewegt und von klassischer Ausgewogenheit
der Gebärde. Selbst in die Idylle
dringt das klassische Element: der Holzschnitt
des Parisurteils legt Zeugnis ab für das vertiefte
Interesse, das Huber jetzt dem menschlichen
Körper und seiner Bewegung entgegenbringt
. Er füllt seine Skizzenbücher mit Studien
trotzig-wilder Gesichter; daneben gelegentlich
eine weibliche Aktstudie, deren klassischkühle
und großartige Typisierung in der Geschichte
zeitgenössischer deutscher Kunst ihresgleichen
sucht (Abb. S. 222).
Die maniera grande der Italiener, der Hubers
großförmiges Gestalten von Anfang an nahesteht
, bringt selbst die erregte Szene der Beweinung
in ein streng rhythmisiertes, architektonisches
Gefüge; auf den Holzschnitten aus
der Jugendgeschichte Christi erscheint der lebendig
quellende Wuchs der Menschen gebändigt
durch die strengen Formen eines Tempels,
dessen gotische Architektur durch Bau- und
Schmuckglieder italienischer Herkunft Maß und
feste Begrenzung erhalten hat (Abb. S. 223).
Wenn in den späteren dreißiger Jahren dieser
italienische Einfluß sich besonders in Gebärden
und Verkürzungsexperimenten stark vordrängt,
so dient dergleichen doch nur jenem barocken
Gefühl, das die bisher ruhig-geschlossenen Gestalten
zu schwellendenlichtüberströmten Massen
umformt. Erst zu Beginn der vierziger Jahre
gewinnt die klassische Tendenz das Übergewicht
über diese barocke Lebensfülle: die Wiener
Kreuzesallegorie mutet nicht nur ihrem gelehrt
-theologischen Inhalt nach trocken und
kalt an (Abb. S. 216). An Stelle üppiger
WOLF HUBER DIE DREI LANDSKNECHTE
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