Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 234
(PDF, 115 MB)
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S. HABENSCHADEN

HIRTE MIT HERDE

drücken des Daseins eine ähnliche Wirkung aus
wie die Erscheinung eines Kindes: wir empfinden
die reinigende Kraft eines Stückes lauteren,
unverbildeten Lebens.

Was Christus über die Macht des Kindes
gesagt hat, gibt uns einen Anhaltspunkt für das
Kapitel, das bei ihm fehlt: das Kapitel Kunst.

Oh, „blaue Stunde" einer werdenden Kunstepoche
, Zeit zwischen Dämmerung und hellem
Tag!

Du bist die Zeit reichster, geheimnisvollster
Stimmung. Wohl dem, der dich miterlebt und
nicht verschläft.

T*

Ein genialer Irrtum ist oft fruchtbarer als
eine Wahrheit, die jeder verstehen kann.

Wehe dem, der auf Zukunft spekuliert beim
Spenden seiner Kraft! Spende sie für die Gegenwart
; sie wird das Nötige von selber für die
Zukunft aufsparen.

Der Drang nach Revolution und das Streben
zum Typus, diese scheinbar entgegengesetzten
Kräfte, sind das „perpetuum mobile" der Kunst.
Beide sind gleich unentbehrlich. Sie sind in
Wahrheit nicht entgegengesetzt, sondern die
gleiche Kraft in zwei verschiedenen Stadien der
Entwicklung einer künstlerischen Welle.

Trägheit ist nicht immer gleich Faulheit; es
gibt eine fruchtbare Trägheit, die Trägheit des
Reifens; sie darf mit der verhängnisvollen Trägheit
des Säens und der Trägheit des Erntens
nicht verwechselt werden.

Als ich jung war, glaubte ich, nichts sei
leichter, als den Strahl der Seele von Mensch
zu Mensch zu leiten. Jetzt weiß ich, daß
nichts verschlossener ist als das Reich der
Seele. Nur durch die Reflexe eines Spiegels
vermögen wir ihre Strahlen in fremde Augen
zu lenken.

Solch Spiegel ist die Kunst.

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