Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 255
(PDF, 115 MB)
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ERICH WASKE

LANDSCHAFT

die „Frau am Wannsee" von 1917. Es ist, wie
immer, die Gattin. In moderner Tracht, leicht
von ihr umschmiegt, schaut sie über die Flut
hin und sinkt in Denken und Träumen. Kein
sentimentales oder kokettes Haschen nach Stimmung
. Es ist Waske selbst, der mit dem Auge
der Geliebten, die ihm ganz gleich gestimmt ist
und die mit kunstfertiger Hand die Balalaika
zu seiner pianomächtigen Melodie anstimmt, in
die verallgemeinerte Natur hineinliest, ihr Alphabet
enträtselt. In dem Gemisch von Fühlen und
Denken überwiegt letzteres stets, ersteres verklingt
niemals. Das folgende, besonders reiche
Jahr des Kriegsendes bringt die „Umarmung".
Zwei Menschen stehen allein in menschenloser,
aber wildbewegter Natur. Man sieht Vulkane
apokalyptisch aufglühen, Meere branden, und
ein magischer Lichtkreis schlingt sich um die
beiden Häupter. Nichts um sich sehen die beiden
. Alles sehen sie. Sie sind es selbst, was
da geschieht. Dies Branden und Brennen ist
anthropomorph, die Natur die Sprache der
Schweigenden, die in einem endlosen Kusse die
Welt zu vergessen scheinen. Aber nur scheinen
. Es sind nicht zwei Individuen, ist kein

Einzelfall, es ist die Attraktion, es ist die Allkraft
, die Allanziehung, die Sterne aneinander-
bindet und Menschen durchglimmt. Gleichzeitig
spricht diese „Umarmung" eine derartige Höhe
und Reinheit einfacher Gattenliebe im höchsten
Sinne aus, daß man vor der Farbendichtung
in Andacht steht und die Hände faltet. Der
heißeste und bei aller Triebhaftigkeit doch
reinste Ausdruck der Liebe ist erreicht. Dasselbe
Jahr bringt „Liebende", aber nicht die
oben angedeutete Fassung. Wir sehen die in
Verzückung kniende Frau, um deren Busen
der Mann versunken die Hände breitet. Die
Vorzüge gleichen den früheren, aber offen gestanden
ist das Gelingen hier nicht von so
zwingender Kraft wie im anderen. Die flammende
Farbe drückt die Unabsehbarkeit kosmischer
Weiten aus. Das „Schiff am Meer"
gehört in die Reihe urweltlicher Landschaften,
in denen Waske pantheistisch träumt und rhap-
sodiert. Er hat in orange-goldfarbenen, kadmiumgelben
Gluten alle Wirkungen der Farbe
eingesetzt, um das maßlose Wunder der Erscheinungswelt
zu meistern. Auch in neueren
Landschaften vom Seestrande kehrt diese Grund-

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