Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 279
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JOHANNES THIEL

Verlag von H. Trittler, Frankfurt a. M.

DIE RIVALEN

AUSDRUCKSKUNST UND KARIKATUR

Ausdruckskunst ist der vollkommene, aber un-
> bewußte Ausdruck des geistigen und seelischen
Lebens der Epoche. Karikatur ist die
teilweise, aber bewußte Verzerrung dieses geistigen
Lebens. Ausdruckskunst ist die Bejahung
des Geisteslebens der Epoche und wird, wenn
die geistige und künstlerische Entwicklung eine
normale ist, folgerichtig aus ihr hervorgebracht.
Sie entsteht mit Notwendigkeit aus dem Übermaß
bestimmter Gefühle und bringt in unbewußter
Hemmungslosigkeit diese Gefühle zum
Ausdruck. Einen solchen Vorgang beobachten
wir in der romanischen Plastik Frankreichs, in
der deutsch-gotischen Plastik und Malerei.

Karikatur ist ins Lächerliche gezogene Ausdruckskunst
. Wodurch entsteht nun aber das
Lächerliche des Ausdrucks? Die Übertreibung
bestimmter Eigentümlichkeiten, das scharfe
Pointieren als charakteristisch empfundener und
kontrastreicher Situationen ist es nicht allein,
was die Karikatur ausmacht. Die Übertreibung
der Form, wie das Übermaß in der Betonung
des Kontrastes zwischen dem Geschehnis und
der Umgebung kann ebensogut erschütternd,
tragisch und unheimlich wirken. Das was wir
als Karikatur bezeichnen und als komische Wirkung
eines übertreibenden formalen Ausdrucks
empfinden, liegt einerseits in dem Kontrast zwischen
der Darstellungsmethode und der allgemein
üblichen Kunstform, in der formalen Negierung
also des Kunstschönen und Kunstwahren
, andrerseits in dem Konflikt der zum Ausdruck
gestalteten Weltanschauung mit der herrschenden
Konvention.

Jedoch gilt dies letztere Moment im wesentlichen
nur für den Augenblick, in welchem die
Karikatur entsteht, d. h. in welchem der Beschauer
den Konflikt einer anders gearteten
Weltanschauung mit der herrschenden Konvention
noch als etwas Aktuelles empfindet. Vor
allem kommt hier die politische Karikatur in
Frage, deren Sinn meist schon für die nächste
Generation verlorengegangen ist. Cruikshanks
Karikaturen sind typisch in dieser Hinsicht. Um
sie zu verstehen, muß man Thackeray und
Dickens gelesen haben. Eine dauernde humoristische
Wirkung kann nur die Karikatur ausüben
, welche dauernd sich gleichbleibende
menschliche Schwächen und menschliche Denkfehler
zum Gegenstand der satirischen Darstellung
gewählt hat. Daher die Erscheinung, daß
Werke dieser Art, die menschliche Unvollkom-

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