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JOHANNES THIEL
menheiten körperlicher oder seelischer Natur in
übertreibender „chargierender" Form wiedergeben
, auch noch dann „karikiert" wirken, wenn
der Beschauer längst nicht mehr im Bann der
Konvention steht, die anfänglich ins Lächerliche
gezogen werden sollte. Daher aber auch die
Erscheinung, daß Werke der Ausdruckskunst,
denen keinerlei karikierende Absicht zugrunde
lag, doch sowohl von den Zeitgenossen wie von
den Nachkommen als Karikatur empfunden
werden. Die Zeitgenossen empfinden Werke der
Ausdruckskunst als „karikiert", wenn diese nicht
die volle spontane und unbewußte Äußerung
des seelischen und geistigen Lebens der Epoche
sind, sondern sich in bewußtem Gegensatz zu
diesem Leben befinden. Dieser Fall tritt ein bei
Goya. Den Nachkommen erscheinen Werke der
Ausdruckskunst als „karikiert" sobald ihnen das
Verständnis für das geistige und seelische Leben
abhanden gekommen ist, dem diese Werke
Form geliehen haben. Der moderne Mensch
empfindet eine gotische Skulptur leicht als Karikatur
, sobald er sie nicht als die Ausdrucksform
einer ganz bestimmten Weltanschauung
zu erkennen vermag.
Im Zusammenhang hiermit ist es aber auch
beachtenswert, daß die gotische Epoche tatsächlich
eine starke Begabung zur Satire besaß.
In den grotesken Spottdarstellungen, die sich
GRABLEGUNG
unter der Bauplastik gotischer Kathedralen verbergen
— man denke nur allein an die Wasserspeier
— wie in den Holzschnitten und der Literatur
des 14. und 15. Jahrhunderts, bis hinauf
zu Holbeins Totentanz haben wir dieses Inein-
anderspielen von Ausdruckskunst und Karikatur.
Zeiten, die den seelischen Ausdruck als etwas
Unanständiges empfanden, welche wie das endende
18. Jahrhundert die Offenbarung starker
Leidenschaften als einen Verstoß gegen den guten
Ton ansahen, verloren naturgemäß jedes
Verständnis für Ausdruckskunst, daher die Ablehnung
Shakespeares Ende des 18. Jahrhunderts
, die Verurteilung des „Götz" durch Friedrich
den Großen, daher auch die Reaktion in
Sturm und Drang gegen die Hemmung des Seelenlebens
. Wenn in solchen Zeiten die unterdrückten
seelischen Gewalten nach Ausdruck
ringend sich endlich, sei es in der Literatur, sei
es in der bildenden Kunst Luft machen, Wort
und Form finden, so führt diese Eruption unfehlbar
zu Verzerrungen, welche als Karikatur
wirken müssen und darum etwas Abstoßendes
haben, das der sich natürlich entwickelnden
Ausdruckskunst der gotischen Plastik, der Sha-
kespeareschen Tragödie fehlt. Denn insofern
wir die gotische Plastik als karikiert empfinden,
liegt der Grund im wesentlichen in dem vollkommenen
Widerspruch unseres Zeitbewußt-
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