Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 285
(PDF, 115 MB)
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JOHANNES THIEL

LANDSCHAFT MIT KUTSCHE

in dem Grade unbewußt, wie die Bejahung. Insofern
Goyas Ausdruckskunst revolutionär war,
wurde sie bewußt, und das bewußt Revolutionäre
, darum übermäßig „Chargierte" ist es,
was zur Karikatur wird. Das Wesentliche bei
Goya ist die Mischung von Bewußtem und Unbewußtem
, von Ausdruck und Karikatur.

Noch klarer tritt dieser Charakter der eruptiven
Ausdruckskunst zutage bei Daumier. Aber
hier ist die Dosis des Bewußten — damit der
Karikatur — bei weitem stärker wie bei Goya.

Wie aber, wenn das Unbewußte vollkommen
ausgeschaltet wird, wenn die Ausdrucksform
weder auf dem Wege normaler Entwicklung gefunden
, noch eruptiv hervorgeschleudert wird,
sondern von außen her, bewußt durch die Kunst
an das Leben herangetragen wird?

Es entsteht der zerebrale Expressionismus
unserer Tage. Wir haben heute eine vollkommen
bewußte und gedachte Ausdruckskunst.
Wir sind vom Impressionismus zum Expressionismus
gelangt. Dieser arbeitet in weitgehendem
Maße noch heute mit den Mitteln des
Impressionismus. Der Impressionismus bestand
in einer absichtlich voraussetzungslosen Aufnahme
der konkreten Natur und einer bewußt
„naiven" Wiedergabe des durch das Auge aufgenommenen
. Wir traten mit ihm in eine Phase
seltener künstlerischer „Bewußtheit" ein. Der
Sehakt selbst wurde durch das Gehirn scharf
kontrolliert, das alles Gewußte und Konventionelle
auszuscheiden bemüht war. Der Impressionismus
des 19. Jahrhunderts war ein wissenschaftlicher
, nicht wie der venezianische und
spanische des 17. und 18. Jahrhunderts ein künstlerischer
. Goya war der erste impressionistisch
darstellende Künstler im Sinn des ig. Jahrhunderts
, darum wurde er auch der Maler, dessen
Ausdrucksforderung sich mit elementarer Gewalt
Bahn brach. Seine Ausdruckskunst wurde
aus einer zum Teil unbewußten Reaktion gegen
den eigenen Impressionismus geboren. Der zerebrale
Expressionismus der Modernen ist aber
nicht Reaktion, sondern logische Konsequenz
des zerebralen Impressionismus der vergangenen
Jahrzehnte.

Münch steht an der Spitze dieser zerebralen,
bewußten Kunst. Sein ungeheures Können, die
maltechnische Qualität seiner Werke, sein künstlerischer
Ernst bewahren seine Arbeiten vor

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