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nisse und durch die dem Protestantismus wesentliche
Scheidung in mannigfaltige, durch
individuelle und lokale Einflüsse bewirkte Verschiedenheit
der Lehrmeinungen. In der Reformbewegung
der evangelischen Kirchenbaukunst
zeichnen sich indes zwei Hauptrichtungen
voneinander ab. Die eine will den im
Wesen und in der Geschichte des Protestantismus
begründeten Charakter der Predigtkirche
— Kanzel und Altar gesondert — beibehalten
und im Sinne der modernen Zeit
lebendig umgestalten. In den Worten des Hallenser
Theologen Ficker auf dem Berliner
Kongreß sprach sich diese Meinung mit wünschenswerter
Klarheit und Kraft eindringlich
aus, in allen unparteiischen Beurteilern einen
tiefen und nachhaltigen Eindruck hinterlassend.
In den großen protestantischen Kirchenbaumeistern
des 17. und 18. Jahrhunderts sind die
Wegweiser für den modernen Kirchenbau des
evangelischen Glaubens, der auf diesen Bahnen
sich entwickeln wird. Die zweite mächtige Bewegung
will zugleich mit der Schaffung einer
künstlerisch und seelisch bereicherten Liturgie
— die bekanntlich von Luther unberücksichtigt
geblieben ist — dem Kirchenraum das
Gepräge größerer Feierlichkeit und andächtiger
Stimmung geben. Sie will den Altar festlicher
schmücken, den Glanz des Kerzenlichtes stärker
heranziehen, durch farbige, nach den Kirchenzeiten
wechselnde liturgische Gewänder
den Dienst am Altare verschönern und überhaupt
durch Raum- und Lichtwirkung dem
Gotteshause eine höhere Weihe geben. Der
Gedanke der „Sternkirche", den der Architekt
Otto Bartning an einem Modell den Versammlungsteilnehmern
erläuterte, ist die letzte von
einem denkenden Künstler gezogene Folgerung
aus diesen Tendenzen. In ihr soll eine ideale
Beziehung der Gemeinde auf den kultischen
Mittelpunkt des Kanzelaltars erreicht werden.
Es wird damit eine Annäherung an den katholischen
Kultusgedanken erstrebt, die sich von
den Forderungen des strengen Protestantismus
weit entfernt. Darin zeigt sich wieder die viel
leichtere Problemstellung gegenüber dieser
Frage in der dänischen, skandinavischen und
englischen Kirche, daß diese weit mehr von
den liturgischen Formen des Katholizismus
bewahrt haben, als der deutsche lutherische
Kultus, von dem der Reformierten, der Kalvi-
nisten und anderer strengerer Richtungen ganz
zu schweigen. Ist doch selbst die Feier der
Messe und die bischöfliche Verfassung in den
nordischen Kirchen ähnlich denen der katholischen
Mutterkirche geblieben, ja sogar in
neuerer Zeit wieder angenähert worden. In
dieser Beziehung ist auch auf die jüngst abgehaltenen
Besprechungen zwischen Kirchenfürsten
der englischen Hochkirche und solchen
der römischen Kirche zu verweisen, in denen
die Frage einer weiteren Annäherung erörtert
worden ist. Der Kirchenbau in Dänemark und
in Skandinavien hat den natürlichen Wiederanschluß
an die einfachen klaren und lichten
Formen der heimischen Überlieferungen längst
gefunden — als ein schönes neueres Beispiel
ist eine in Schweden von dem in Berlin wirkenden
Schweden Alfred Grenander erbaute
Landkirche in Verbindung mit Pfarr- und Gemeindehaus
und baumbepflanztem Hof zur Abhaltung
von Gottesdiensten unter freiem Himmel
zu nennen. Ebenso hat Bartning in der
soeben an der Erfurter Straße in Berlin entstehenden
dänischen Kirche einige feine Züge
der älteren dänischen Kirchenarchitektur mit
modernen Formen zu verbinden verstanden.
Mit der Befreiung aus der seelenlosen Nachahmung
mittelalterlicher Formen wird auch in
Deutschland eine verständnisvolle Belebung der
heimischen Kirchenbautraditionen im Sinne
unserer Zeit stattfinden.
Die Reformbestrebungen auf dem Gebiete
des kirchlichen Kunsthandwerks werden zu
durchgreifenden Erfolgen gelangen, wenn es
gelingt, die weit verzweigte und volkswirtschaftlich
wichtige Industrie religiöser Gegenstände
im Sinne eines besseren Geschmacks
und gediegener Arbeit zu beeinflussen. Die
guten neuen Formen und Vorbilder werden
natürlich nur durch ausgezeichnete Leistungen
einzelner Künstler geschaffen. Jedes wirklich
gute Einzelstück, jede gelungene Einzellösung
bedeuten einen Fortschritt und ohne solche
bleiben alle Tagungen, Programmerklärungen
und Vereinsgründungen ohne Stoßkraft. Viele
erfreuliche Ansätze sind bereits zu verzeichnen.
Als neueste Beispiele seien die Silbergeräte
und Gelbgußarbeiten für den protestantischen
Gottesdienst von dem Berliner Goldschmied
Bernhard Reimann sowie die für den katholischen
Gottesdienst von dem Berliner Goldschmied
Joseph Wilm hervorgehoben. Auch
hier machen sich die verschiedenartigen Forderungen
der beiden Kulte geltend. Die Rei-
mannschen schlichten Abendmahlsgeräte sind
wie im Sinne des protestantischen Kirchensilbers
der Barockzeit klar und glatt gehalten,
während Wilm es meisterhaft verstanden hat,
die — leugnen wir es nicht — problemreichere
Aufgabe zu lösen, den katholischen Bedingnissen
sakraler Weihe gerecht zu werden, so
vor allem in seiner jüngsten Schöpfung, dem
Berliner silbernen Bischofstab. Bei der im
Katholizismus stärker wirksamen Tradition ist
die Umformung der Kirchenausstattung im
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