Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 309
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ZUR PRIMITIVEN KUNST

Das monumentale, mit einer Überfülle herrlicher
Abbildungen ausgestattete Werk, mit
dem der Propyläen-Verlag seine großzügig angelegte
Kunstgeschichte eröffnet*), ladet zu
einigen Bemerkungen grundsätzlicher Art über
die Bedeutung der „primitiven" Kunstübung
für die moderne Kunstwissenschaft ein. Das
Schwergewicht liegt bei dieser Veröffentlichung
auf der sorgsam und mit zuverlässig künstlerischem
Urteil durchgeführten Vorführung des
Materials, das sich nicht nur auf die Kunst
sämtlicher Naturvölker, sondern auch auf die
der europäischen Vorzeit bezieht. Die schwere
Aufgabe, zu dieser unübersehbaren und stark
heterogenen Kunstproduktion in knapp 75 Seiten
einen befriedigenden Text zu schreiben,
löst der Verfasser in der, wie wir glauben, einzig
möglichen Weise, indem er in der unverbindlichen
Form des Essays Stellung zu einzelnen
Gruppen oder Problemen nimmt. Wir finden
als Einführung eine Betrachtung über „Die
ästhetische Funktion im Leben des Primitiven";
es folgen kurze Aufsätze über die Baukunst,
die Plastik, Naturalismus und Stilisierung, Masken
, Ahnenbilder usw. Von einer irgendwie
erschöpfenden Behandlung des Stoffes oder
einer Auseinandersetzung mit den von Ethnographen
und Prähistorikern seit Jahrzehnten
in Angriff genommenen Problemen kann in
diesen, oft nur zwei bis drei Seiten kurzen Aufsätzen
natürlich keine Rede sein und von Sydow
tut gut, von vornherein auf die Erörterung so
vieler schwebender Fragen zu verzichten. Über
das viel umstrittene Problem von der Entstehung
und Entwicklung des primitiven Ornaments
; den Einfluß der Wirtschaftsformen auf
die Ausbildung der Kunst und die Möglichkeit
, an der Hand der aufsteigenden Wirtschaftsstufen
Entwicklungsreihen auch für die primitive
Kunstform aufzustellen; die Bedeutung der
Rasse und der natürlichen Verhältnisse für die
Differenzierung der Kunstform; den über die
Erdteile hinausreichenden Zusammenhang einzelner
Kulturkreise; die tief eingreifende Beeinflussung
durch die geschichtlichen orientalisch
-europäischen Kulturen; den auffallenden
Parallelismus zwischen gewissen afrikanischen
Kunsterscheinungen und dem des prähistorischen
Südeuropa, Vorderasiens, Ägyptens —
über diese und andere Probleme wird man von
Sydows Werk billigerweise keine Auskunft erwarten
dürfen, denn jedes einzelne hätte eine
jahrzehntelange Forscherarbeit und eine Ver-

*) Eckart von Sydow, Die Kunst der Naturvölker und
der Vorzeit. Im Propyläen-Verlag, Berlin. 569 Seiten. Mit
XXIV Tafeln und 490 Abbildungen.

öffentlichung vom vielfachen Umfang des vorliegenden
Textes beansprucht. Der bekannte
Ästhetiker Max Schaßler hat einmal versucht,
sämtliche Kunstbeflissenen, vom Sammler und
Kunstkaufmann aufwärts bis zum Kunstphilosophen
, nach Kategorien in ein logisch durchdachtes
System einzureihen. Heute würde er
diesen Versuch wohl sein lassen und in welche
Abteilung der Verfasser des vorliegenden Buches
einzuordnen wäre, ist in der Tat schwer zu
sagen. Aber jedenfalls nähert er sich dem von
ihm bearbeiteten Stoff nicht als wissenschaftlicher
Forscher, besitzt dafür aber einen, beim
Fachgelehrten selten anzutreffenden, zuverlässigen
Blick für den rein ästhetischen Wert der
naturvölkischen Kunst, der ihn dazu befähigt,
dem Leser den ihm zumeist noch etwas fremden
geistig-seelischen Inhalt der abgebildeten Kunstwerke
zu erschließen und ihm zur Unterscheidung
der so stark abweichenden primitiven
Kunstwerte eine Handhabe zu geben. Eine
ehrfurchtvolle Liebe zu seinem Stoff, ein fraglos
durch seine wiederholte Beschäftigung mit
dem modernen Expressionismus geschärftes,
feines Verständnis für die geistige Bedeutung
der abstrakten Form und seine philosophische
Vorbildung führen den Verfasser in jedem dieser
kurzen Aufsätze zur Aufstellung bemerkenswerter
, fruchtbarer Gedanken.

Ist nun für die wissenschaftliche Kunstforschung
, ist namentlich für die moderne Kunstgeschichte
von diesem Buch eine erhebliche
Förderung zu erwarten? Wir bezweifeln es
fast und wir bezweifeln, ob in absehbarer Zeit
überhaupt eine grundlegende, wissenschaftlichsystematische
Bearbeitung und kunsthistorische
Einordnung der gesamten primitiven Kunst zu
erwarten ist, solange die Forschung sich nicht
auf eine ganz naheliegende, aber bis jetzt völlig
verkannte Grundforderung besinnt: nämlich die
Einstellung der Untersuchung auf die vorgeschichtliche
europäische Kunst als die einzige
primitive Kunstübung, deren Entwicklung durch
die Jahrtausende und deren Kreuzung mit
fremden, höheren Kunstformen wir allmählich
mit sehr großer Genauigkeit feststellen können.
Nur hier können wir verfolgen, wie eine primitive
d. h. anfängliche Kunst wird und wächst,
mit welcher wunderbaren Gesetzmäßigkeit die
Form sich von Stufe zu Stufe abwandelt, wie
artfremde Kunstformen benachbarter, höherer
Kulturen aufgenommen und verarbeitet oder
abgestoßen werden, auf welche Weise sich
jeweils die verschiedenen Kunstgattungen
— Ornamentik, Körperschmuck, Geräteplastik,
Architektur, Plastik — entsprechen und damit

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