Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 310
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das Verständnis für den sich in ihnen auswirkenden
Geist erleichtern. Dagegen hat auch
Sydow, der bei seinen Betrachtungen von der
afrikanischen Kunst ausgeht, wiederholt hervorgehoben
oder angedeutet, daß wir von dem
Werdegang der naturvölkischen Kunst so gut
wie nichts wissen: wir sehen die letzten Ausläufer
unbekannter, vielleicht durch die Jahrtausende
fortgesetzter Entwicklungsreihen, wir
ahnen wiederholt das Vorhandensein undatier-
barer, vergangener Kulturen, deren Entwicklung
uns völlig verborgen bleibt, wir kennen
an manchen Stellen die stark modifizierende
Einwirkung der modernen europäischen Kultur,
aber über die sicher vorhandene Ausstrahlung
der sich ablösenden asiatisch-ägyptisch-europäischen
Hochkulturen der Vergangenheit auf die
primitiven Kunstbezirke lassen sich nur einzelne
Vermutungen anstellen. Auch der oben erwähnte
Versuch, die primitiven Kulturen nach Wirtschaftsstufen
einzuteilen und auf diese Weise
eine gewisse Reihenfolge auch für die entsprechenden
Kunstformen bzw. -gattungen zu
gewinnen, versagt völlig, wenn wir aus der
vergleichenden Betrachtung z. B. der alteuropäischen
und der altorientalisch-ägyptischen
Kunst der Stein-Kupferzeit erkennen, wie früh
schon der Rassenunterschied der Kunstsprache
ein ganz abweichendes, ja gegensätzliches Gepräge
erteilt. Ein rettender Strohhalm könnte
die von Sydow in unverbindlicher Form geäußerte
Vermutung sein, daß mit dem Fehlen
des Zeitbewußtseins bei den Naturvölkern auch
eine Abfolge von Stil- oder Kunstepochen,
-perioden, -phasen, fehlen könnte. Aber daß
die uns bekannten naturvölkischen Kunstwerke,
so wie sie jetzt sind, in grauer Vorzeit vom
Himmel heruntergefallen wären, um sich
darauf unverändert zu erhalten, wird niemand
glauben. Und weiter: auch dem primitiven
Europäer der Stein- oder Bronzezeit muß dieses
Zeitbewußtsein oder doch das Bewußtsein, in
einem geschichtlichen Zusammenhang zu leben,
in gleicher Weise gefehlt haben, und doch wird
die vorgeschichtliche europäische Kunst von
genau der gleichen gesetzmäßigen Stilwandlung
beherrscht, wie sie die Kunst der historischen
Epochen auszeichnet. Organisches Wachstum,
sei es nun auf physischem oder auf geistigem
Gebiet, heißt Wandlung der Form, und so wenig
wie die Pflanze braucht der menschliche Geist
ein Zeitbewußtsein, um die ihm vorgeschriebenen
, periodischen Formwandlungen zurückzulegen
.

Ob auch die naturvölkische Kunst einer
ähnlichen Gesetzlichkeit unterliegt oder unterlag
? Wir wissen es nicht und können es nicht
wissen, solange nicht ihre Entwicklungsgeschichte
mit absoluter Sicherheit und über
größere Strecken aufgedeckt ist. Wir können
nur vermuten, daß auch jene primitiven geistigen
und künstlerischen Kulturen einmal ähnliche
Wachstumsgesetze, wie sie für die europäische
Vorzeit festzustellen sind, aufgewiesen
haben, ohne daß sie indessen die innere Möglichkeit
besaßen, über ein gewisses Stadium der
Entwicklung hinauszukommen. Von diesem
Punkt an könnte dann allerdings die von Sydow
vermutete Entwicklungslosigkeit der naturvölkischen
Kunst einsetzen. Auch das sind aber
Fragen, die völlig in der Luft schweben, solange
die alteuropäische Kunstforschung uns
keine Norm zur Beurteilung der primitiven
Kunstentwicklung an die Hand gibt. Der nächste
Schritt müßte dann wohl sein, die, vermutlich
doch in der Rasse begründete, Gegensätzlichkeit
zwischen der ausgesprochen anikoni-
schen Kunst Alteuropas und den figuralen
Kunstbestrebungen im Südwest-europäischen
Paläolithikum sowie im prähistorischen Orient
und Ägypten zu erforschen und die in diesem
letzten Kulturkomplex bestehenden Parallelen
zu der Kunst der afrikanischen Naturvölker,
sowie die schon in der Vorzeit bestehende gegenseitige
Beeinflussung (afrikanische Einflüsse auf
Malta in der Steinzeit!) zu verfolgen. Auf
diese Weise und gestützt auf die Ergebnisse
der Afrikaforschung wäre es dann vielleicht
mit der Zeit möglich, von der datierbaren und
begrifflich faßbaren europäischen Kunstentwicklung
aus zunächst etwas über die der afrikanischen
Naturvölker zu erfahren.

Freilich, auch mit dieser primitiven europäischen
Kunst ist gar nichts anzufangen, solange
wir ihr nicht viel systematischer und
kritischer auf den Leib rücken, als es zumeist
geschieht, und die von den Prähistorikern in
mühsamer Arbeit aufgestellten Tatsachenreihen
nicht begrifflich zu durchdringen suchen, um
ihnen das Geheimnis vom Werden und Wandeln
der Kunstform abzugewinnen. Wer sich
da als kunstbegeisterter Laie und angewiesen
auf die oft ganz unzulänglichen Theorien der
prähistorischen Sachforscher den Dingen nähert,
kommt keinen Schritt weiter, denn — auch der
Prähistoriker steht, trotz seiner glänzenden
Leistungen in der Bestimmung, Ordnung, Datierung
des Materials, den vorgeschichtlichen
Kunstformen selber als Laie gegenüber. Hier
muß mit den Mitteln der doch nicht ganz umsonst
existierenden modernen Kunstwissenschaft
selbständige kunsthistorische Arbeit einsetzen.

Wir können Sydow keinen Vorwurf daraus
machen, daß er die landläufigen Ansichten der
Prähistoriker in seinen späteren Abschnitten
über die alteuropäische und altnordische Kunst

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