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FRANK BRANGWYN
THEMSE-WERFT
legenheiten, die alltägliche und meist unfreundliche
Umwelt in außergewöhnlichem Lichte zu
genießen.
Er ging dabei nicht darauf aus, dem einen
Bilde diesen, dem andern jenen Ausdruck zu
geben, alles hatte das gleiche Pathos, aber
nichts vermittelte eine ganz bestimmt begrenzte
Gefühlsstimmung, wie das etwa Kubin wie kein
anderer vermag. Der kann jedem Haus etwas
Verrufenes oder Geheimnisvolles oder Höhnendes
oder Lachendes geben — Brangwyns Bilder
sind immer erfüllt von der gleichen großen
Geste, immer umkleidet von denselben bunten
Tüchern.
An das geheimnisvoll trauliche von Rem-
brandts Halbdunkel denkt er nicht; weil er
eher vom Theater als von der Welt des Alltäglichen
herzukommen scheint.
Ganz entsprechend seinem theatralischen
Willen wählte Brangwyn sich seine technischen
Mittel. Das eigentlich effektvolle seiner riesengroßen
Blätter kommt nicht von der Arbeit
des Griffels. Das gab er viel wirkungsvoller
als irgend einer vor ihm einfach mit dem Ton
der Platte. Da schwärzte er die Platte mehr
ein, dort wischte er das Licht mehr heraus als
an einer anderen Stelle.
So wurde fast jedes Blatt anders in der
Wirkung, wurde oft genug Unikum. Brangwyn
ist ein Maler auf Kupferplatten.
Nun will er anderes. Nun will er dem Figürlichen
mehr Raum geben, will die Menschen
mehr zu Worte kommen lassen als früher, wo
sie mehr Masse waren und Staffage.
Nun wird bei neuem Wollen die Zeichnung
auch im kleinen unentbehrlich. Denn innere
Bewegtheit läßt sich doch nicht nur mit Lichteffekten
geben, wie Wände, Masten, Brücken
und Tore.
Wenn wir uns aber seine neueren Blätter
wie „Die Kreuzigung", „Die Geburt Christi",
„Die Bettler in der Kirche zu Airvault", „Die
Trinker in der Weinschenke" genauer ansehen,
haben wir doch noch immer den alten Brangwyn
vor uns, der mit allen Mitteln theatralischer
Inszenierung arbeitet.
Das alte berühmte Brangwynsche Pathos ist
da, aber die Gestalten bleiben Staffage, bleiben
Statisten; die Hirten im Stalle zu Bethlehem
kauern famos im Halbdunkel, aber ergriffen
sind sie nicht. Die Szenerie der Kreuzigung
ist noch wirksamer als jene bei Rembrandt,
aber keine einzige Gestalt ergreift uns; alle
sind Statisten, die nur der Gesamtwirkung des
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