http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0387
weg ein eminenter Maler! Sporrers treffsicherer
„Einsiedler" bewies, wie gefährlich nah ihm
dieser Schüler kam.
Von den Stilleben und Interieurs müssen
sorgfältige Sachen Grützners, T. Rosenthals,
M. Schmidts genannt werden. Unter den Tierbildern
gehörten Baischs „Ruhende Rinder"
durch strahlende, sonnige Freilichtmalerei und
unerhörte Vitalität zu den unvergeßlichen Eindrücken
.
Unter den Bildnismalern, die zur Piloty-
schulezählen, gehörte Benczur. War jenes „Thusneldamodell
" von ihm, so war er als Maler
trefflich; ebenso sei genannt Chases helles Bildnis
des jungen Piloty, Deffreggers Halbbruder
und der einem Leibi und Vermeer nahekommende
„Leser", ferner Schachingers prickelnd,
leuchtend gemalte „Dame mit Halskrause".
Hirth du Frenes dürfte besseres gekonnt haben,
als es die ausgestellten, etwas hartglasigen
Bildnisse ahnen ließen. Nennen wir noch Len-
bachs temperamentvolles „Bildnis des Malers
E. Kubierschky", so haben wir wohl manches
Bedeutsame dieser mehr als bedeutsamen Schau
angemerkt, wissen aber auch in aller Bescheidenheit
, daß man unmöglich allem in Kürze
gerecht werden kann. Nasse
KARL WOERMANN
zum 80. Geburtstag am 4. Juli 1924
Der Patriarch der deutschen Kunsthistoriker
hat sich in seiner „Geschichte der Kunst
aller Völker und Zeiten" ein unvergängliches
Denkmal gesetzt. Die sechs Bände sind nicht
aus Büchern zusammengeschrieben, sondern
aus der Anschauung heraus durch immer neue
Studien vor den Originalen entstanden. Als
Sohn eines großen Hamburger Handelsherrn
drängte es ihn schon in jungen Jahren in die
Ferne. Als Achtzehnjähriger umsegelte er zum
ersten Male die Erde; als Achtundsiebzig-
jähriger unternahm er noch einmal eine große
Weltreise. Von diesen und anderen Reisen
durch die europäischen Staaten zeugen zahlreiche
Einzelstudien über archäologische Themen, die
Kunst der alten Ägypter, Dürer, Masaccio, Ma-
solino, Raffael, Murillo, Ribera, Rubens, van
Dyck und die französischen Provinzmuseen.
Kein Kunstgebiet ist ihm fremd geblieben. Aus
der Mannigfaltigkeit seiner Spezialstudien erwuchs
ihm das Gesamtbild, das er in seiner
großen Kunstgeschichte gegeben hat. Ein weltbürgerlicher
Geist spricht aus ihr. Diese Gesinnung
erfüllt auch sein Dresdener Heim, in
dem der Patriziersohn in hanseatischer Gastfreiheit
die Gelehrten, Schriftsteller und Künstler
aus aller Herren Länder während der letzten
Jahrzehnte empfangen hat. Dort lernte man
auch empfinden, daß der formgewandte Mensch
auch ein formgewandter Dichter ist. Wenn auch
seine dichterischen Arbeiten weit zurückliegen,
so sind sie im Gesamtbild Karl Woermanns
doch wichtig. Sie beweisen, daß er kein einseitiger
Fachgelehrter war, sondern eine Vollnatur
, die in der Jugend noch den goatheschen
und humboldtschen Universalismus in sich aufgenommen
hat. Das Totalitätsgefühl ist der
heutigen Generation fremd; darum grüßen wir
den Jubilar als einen Überlebenden aus alter
Zeit, in der das Spezialistentum noch ein Teil
des Allgemein-Menschlichen war.
Otto Grautoff
343
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0387