http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0400
WALTER DITZ HIRTE
Ausstellung der Münchener Künstlergenossenschaft
geistig Bedeutendes ausdrückenden „Einfall",
den spezifischen Rhythmus, der freilich ebensowohl
ein Rhythmus der Farbe und des
Lichtes wie der Linie und der plastischen Form
sein kann.
Man wird es immer wieder gewahr, daß ein
zufälliger Ausschnitt aus der Natur gewählt,
ohne Rücksicht auf seine Bildhaftigkeit, und
dieser nicht einmal mit reifem, differenziertem
Auge ausgeschöpft ist. Es ließen sich nun einzelne
Gruppen aufstellen von Bildern, in denen
„bloß" die Komposition fehlt und solchen, denen
auch die Rhythmisierung von Licht und Farbe
abgeht. Sonderfälle wären dann die Bilder, die
vielleicht bei kleinerem Format leidlich wären:,
ein kleines Format hätte das Motiv vielleicht
zu bestreiten vermocht, bei dieser Größe des
Formats wirkt es leer. Sonderfälle wären, wo
das Anziehende des Sujets an sich zu Hilfe
genommen ist: ein südliches Gestade und ein
blaues Meer wirken auf einen Deutschen durch
Assoziation persönlicher Erinnerungen oder
persönlicher Sehnsüchte immer ansprechend,
auch wenn das Bild als Kunstwerk nicht das
geringste bedeutet. Sonderfälle, an sich genommen
oft ganz gut, im Zusammenhang der
Kunstentwicklung aber ohne Rang, wären dann
noch jene, die handgreiflich irgendeinen Großen,
z. B. Leibi, „nachempfinden", ohne ihr Vorbild
in irgendeiner Weise zu erreichen. Es hat
gar keinen Zweck, einzelne Fälle der negativen
Kritik halber herauszugreifen: Das Übel sitzt
tiefer: Was der heutigen Künstlerschaft zum
großen Teil fehlt, ist das Gefühl der sittlichen
Verantwortlichkeit der Kunst gegenüber, das
unaufhörliche konzentrierte Bohren an den
Problemen, das unaufhörliche Arbeiten an der
eigenen Persönlichkeit, wie es alle Großen von
Dürer bis Marees beseelt hat.
Um so wohltuender berührt es, wenn man
auf Werke trifft, die den Stempel einer geistigen
Persönlichkeit an der Stirne tragen.
In den Räumen der Künstlergenossenschaft
fallen — zerstreut gehängt — einige Bilder
auf, die durch die reife Ökonomie ihrer Komposition
, die Kraft und Tonigkeit des Koloiits
ihre Umgebung überragen: Es sind Landschaften
von Müller-Wischin. Er fußt im besten
Sinne des Wortes in der bewährten Münchner
Tradition und entwickelt sie selbständig und
eigenartig weiter. Wie der Impressionismus
der ersten Hälfte des ig. Jahrhunderts gar nicht
denkbar wäre ohne die Vorarbeit der großen
Spanier und Holländer des 17. Jahrhunderts, so
läßt sich auch an einem Bild wie Müller-
Wischins „Weitem Land" die ganze Genese
des Impressionismus ableiten: der tiefe Horizont
ist barockes, holländisches Erbe, wie die
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