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im 15. und 16. Jahrhundert das Können schrittweise
erobern ließ, und das gesteigerte Können
das Selbstgefühl hob, so wird umgekehrt der Verzicht
auf das Können die Lichtheit des Geistes
und das Gefühl der Persönlichkeit dämpfen.
Bei Schrimpf, der lange in Italien gelebt hat,
hält es schwer, daß seine oft von so süßer
Kantilene des Konturs durchwalteten Bilder z.B.
„Ausschauende" nicht doch ihren ersten Anstoß
vom italienischen Quattrocento empfangen
haben sollen. Mense und Schnarrenberger sind
in der Wahl der Ausdrucksmittel Schrimpf sehr
ähnlich, verwerten sie aber, während Schrimpf
den Ausdruck des Gelassenen, Passiven, höchstens
den des tief Traurigen gibt, zum Ausdruck
des Unheimlichen, des „Gespenstischen
beim hellen Tag". Man kann nichts Qualvolleres
sehen als Menses „Harmonikaspieler". Das ist
ein mit klinischer Exaktheit umschriebenes ganz
bestimmtes Stadium auf dem Wege zur Umnachtung
. Und wie ist das Milieu diesem Ausdruck
dienstbar gemacht: diese harte und dabei
doch räumlich unklare Körperlichkeit der
Dinge. Das ist jener Zustand, wenn die Dinge
anfangen sich aus dem Zusammenhang zu lösen
und ein unheimliches Sonderdasein zu führen.
Noch unheimlicher wirkt Schnarrenbergers
„Mutter". Es ist kunstpsychologisch sehr interessant
: Es ist obenhin betrachtet ein schlichtes
Gruppenporträt, ohne Extravaganzen in
einem bürgerlich nüchternen Milieu. Es wäre
denkbar, daß jemand das Bild — rein sachlich —
so beschriebe, daß man meinen könnte, es handle
sich um ein Biedermeierbild. Das Unheimliche
der Wirkung liegt also ganz im Formalen: in
dieser Verquickung von plastischer Klarheit und
räumlicher Unklarheit, in diesem forcierten Nahblick
, der die Dinge aus dem Zusammenhang
reißt, aus dieser Verquickung von zwar starrem,
aber intensivem seelischen Ausdruck mit einer
gewissen Befangenheit in der Körpergestaltung.
Die literarischen Parallelen zu diesen Dingen
sind klar: Dostojewski, Strindberg, die Madame
Raquin. Und wie in der Renaissance liegen die
literarischen Anregungen zeitlich bedeutend
früher.
Wie sehr es die formalen Dinge sind, die
den Charakter bestimmen, sieht man besonders
bei Kanold. Was ist neutraler als ein Stilleben?
Aber auch hier spüren wir die Stimmung des
Unsicheren und Unheimlichen. Die Ansicht ist
als Aufsicht gewählt, die Dinge scheinen herunter
zu stürzen, der Tisch ist schief geschoben
und verliert sich ins Ungewisse und er steht
ungewiß und zufällig vor einer zufälligen Wand.
Und dabei die peinliche, migränehaft schmerzliche
, klare Härte der Dinge.
Gerade von solchen Sachen herkommend
wird klar, wie stark Kubin, dessen Graphik
mit zum Besten der Ausstellung gehört, noch
in der Tradition der Beherrschung der Natur
wurzelt. Seine Themen mögen so grausig und
phantastisch sein wie sie wollen, sie erscheinen
nie so hoffnungslos, weil die geistige Form,
in der sie vorgetragen sind, noch die eines
Beherrschens, eines „Könnens" im naturalistischen
Sinne ist. Der Tod im Baum ist von suggestiver
Kraft der Linie. Und diese Linie steht
im Dienste des funktionellen Ausdrucks wie im
Dienste eines die ganze Komposition durchwaltenden
, das ganze Bild mit Leben und
Schwung füllenden Rhythmus. In der „Heimkehr
" erleben wir das Öde, das Verlassene. Dann
„Strandgut", „Pierrot und Harlekin"! Dann
die „Amerikanische Kapelle"; der spezifische
Rhythmus, das Geballte, die Abfolge der Hüte
und Trompeten. Man hört förmlich die lärmende
Musik. Ausgezeichnet ist der magere
Paukenschläger. Die Intensität des Bewegungsrhythmus
läßt an kretische Specksteingefäße
denken. Dann der „Traum vom Alter"! Die
Linie der Hüfte und des Schenkels ist gefühlt
und das Schleichende, Gespenstische des Traumbildes
! Hinsichtlich der Fraktur, der Ökonomie
der Darstellungsmittel wirklich groß gesehen
ist „Simson und Delila". Ein Bild wie die Personifikation
des Bösen und des Zornes ist der
„Junge Hengst". Das sehr richtig beobachtete
Starre und Schemenhafte der „Halluzination"
läßt auf eigene Erlebnisse des Künstlers zurückschließen
.
Hans Kiener
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