Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 49. Band.1924
Seite: 374
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_49_1924/0420
VOM GRANIT

Es gibt allgemeine Zeitstile, die sich des Werkstoffes
in einer solch geistig souveränen
Art bedienen, daß sie dessen Natur ganz vergessen
lassen. Die Idee tilgt den Stoff, um
schillerisch zu reden. So etwa im gotischen
Kirchenbau und vielfach im Barock, der Holz,
Stein, Eisen die jeweils gleiche und oft unglaublich
kühne Form zumutet und abringt.
Andere Zeiten wiederum gewinnen gerade durch
das geist- und sinnvolle Eingehen auf das Wesen
des Stofflichen nicht nur höchst wirksame Unterschiede
und Feinheiten der Erscheinung,
sondern auch für deren innere Darstellung. So
kommt zur Eigenart des Zeit-, Volks-, Sachstiles
u. a. noch die des Materialstiles. Hierin
besonders reife Künstler geben z. B. ein Bildnis
nur in dem hiefür formal und inhaltlich
geeignetsten Stoff. In unserer Plastik hat sich,
gleich der Architektur, das Verständnis und
die Liebe für die sinnliche und poetische Wirkungskraft
des Stofflichen erfreulich stark entwickelt
. Vor allem zeigt sich das am lange verpönten
Granit. Hat ihn eine allzu fabrikmäßige
Massenproduktion im Grabstein durchaus einseitig
behandelt und in meist unerfreulichen
Formen, so ist gerade hier die letzten zehn
Jahre eine bedeutende Wendung zum Besseren
eingetreten dadurch, daß man die natürlichen
Vorzüge dieses ehrwürdigen Gesteines sprechen
läßt und sie durch die Bearbeitung nur unterstützt
.

Jetzt erkennt und schätzt man ihn auch als
besonders geeigneten Stoff für Kriegsdenkmale
und alle Monumente, denen neben Dauer der
Ausdruck des Großen, Bedeutenden, Kraftvollen
und Würdigen eigen sein muß. „Ewigkeitssteine
" haben die Ägypter, heute noch
seine unerreichten Meister, den Granit genannt.
Goethe hat in solchem Sinne ihn verherrlicht.
Und erste deutsche Künstler sind es gewesen,
die aus solcher Gesinnung sich wieder dem
Granit zuwandten: ich erinnere nur an die
Goethedenkmale von Hahn. Man sieht in diesem
Stein das moderne Bildhauerideal der blockmäßigen
Gestaltung in einzigartiger Weise verkörpert
, seine hervorragende und eindringliche
Erziehungsmacht für das Monumentale. Aber
seine Bearbeitung setzt viel Erfahrung und Gewandtheit
voraus. Auch hierfür hat sich in
Deutschland die Voraussetzung ergeben: eine
hochentwickelte Industrie ist jeder Schwierigkeit
gewachsen, wie sie im Besitz des schönsten
und vielseitigsten Materials sich befindet.
Besonders gilt dies von der Fichtelgebirgs-
granitindustrie. Sie hat auch den Ehrgeiz und
Erfolg, künstlerisch ihren Stoff zu veredeln
und damit ein gewichtiges Verdienst um deutsche
Qualitätsarbeit und die Verbreitung ihres
Ruhmes in aller Welt. Es ist deshalb höchst
bedauerlich, daß ein deutscher Kunstforscher
vom Namen eines Strzygowski wohl die finn-
ländischen Granitarbeiten, die erst nach den
deutschen entstanden sind, rühmt, unserer Künstler
und Industrie aber mit keinem Worte gedenkt
— und das in einem Blatte, das gerade
im Ausland als die deutsche Zeitschrift am
verbreitetsten ist. Wirtschaftlich und national
sind solche Unterlassungen unbegreiflich. Man
dürfte auch vom deutschen Kunstgelehrten erwarten
, was die übrigen Wissenschaftler jetzt
als selbstverständlich üben, daß sie sich in den
Dienst vaterländischer Interessen stellen —
zumal wenn dies mit so gutem sachlichem Recht
wie hier geschehen kann.

Für unsere heimischen Denkmalstifter aber
erwächst aus solch schmerzlicher Erfahrung die
verstärkte Pflicht, noch mehr als bisher des
Granites zu gedenken: seiner Dauer, seiner
Schönheit, seines wuchtigen Geistes, seiner erhabenen
Stimmungskraft. Möchten wir immer
mehr erkennen und darnach handeln, daß der
heimatliche Sinn vor allem auch in Denkmalen
aus heimatlichem Stoff, heimatlicher Künstlerhand
und heimatlicher Handwerks- wie Industriearbeit
spricht und fortlebt.

Es verdient deshalb besonders hervorgehoben
zu werden, daß das Denkmal für die gefallenen
Pfälzer, das in München jüngst enthüllt
worden, als wuchtiges Zeichen des rechtsrheinischen
Dankes und der Zusammengehörigkeit
mit den bayerischen Brüdern jenseits des Deutschen
Stromes, daß dieses Denkmal gerade in
Granit ausgeführt worden. Professor Bleeker
hat in der denkbar einfachsten Form wesentlich
die Masse, Kraft, Unbezwingbarkeit des
Granites als Symbol sprechen lassen: zwei
Würfel stehen übereinander, von denen der
obere in den vier Ecken auf Stahlhelmen, der
untere auf Pflöcken ruht, die ihn von einem
niederen Sockel trennen.

Graniten muß unser Wille zu uns selbst
wieder werden, dann wird er auch nach Außen
wieder Macht, unerschütterliche Macht werden!

Jos. Popp

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