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zahlreichen Figuren rhythmisch zu füllen, ohne
sie zu überladen, die Bewegung der Gestalten
einzudämmen und zu verinnerlichen. Sobald er
aber aus dem Einwirkungskreis seines Lehrers,
Ratgebers und Bewunderers herausgetreten
war, zerschmolzen unter der Glut seines Temperamentes
die Ketten, in die er seine Natur
gelegt hatte. In der Freiheit wurde seine
Malerei bewegter, schwellender, wärmer und reicher
in den Farben. Seine arabischen und türkischen
Pferdestücke, sein Judensabbat zu Konstantine
, sein Reiterbildnis des Kalifen, in denen
das Schwelen und Schimmern der Dinge in der
heißen Sonne des Südens wiedergegeben ist, entzückten
Theophile Gautier und seine Freunde.
„Dieser Künstler", schrieb Gautier, „ist ein Indianer
, der seine Studien in Griechenland gemacht
hat. Er wirft in die alte Welt die unerkannte
Schönheit der neuen Völker." Mit der
farbenglühenden Lebensfülle des Tepidariums
in Pompei gewann Chasseriau die Bewunderung
der Romantiker für sich. Indem sie von diesem
epochemachenden Bild sein Lebenswerk rückwärts
verfolgten, erkannten sie auch in der Versonnenheit
seiner früheren Gestalten, in der
blühenden Fülle ihrer Lippen, in ihrer träumerischen
Haltung, ihren hingegossenen Stellungen
das starke Gefühl, die üppig wuchernde Phantasiekraft
, das Schwelgen und Träumen seiner
Sinne. Sie reklamierten ihn für sich und stellten
ihn neben Delacroix. Gleichzeitig setzte ein die
Kritik der Klassizisten und Akademiker. Seine
Kompositionen, hieß es, seien bis zur Verwirrung
überfüllt, seine Zeichnung habe nicht mehr die
bisherige Klarheit und Schärfe und sein Pinselstrich
sei flüchtig geworden.
Aus diesen gegensätzlichen Urteilen geht hervor
, daß Chasseriau Ingres und Delacroix in
seiner Kunst verschmelzen wollte: das höchste
Ziel, das ein französischer Maler sich um 1850
stellen konnte. Wenn Chasseriau es nicht erreicht
hat, so kann er darum kaum getadelt werden;
denn diese Aufgabe war steil und übermenschlich
. Noch niemandem ist die Vereinigung von
Raffael und Tizian gelungen. Die Maler der
plastischen Form haben immer noch ihre Meisterschaft
auf Kosten der malerischen Gestaltung
erreicht und den großen Künstlern der malerischen
Vision fehlt die Klarheit und Schärfe der
Zeichnung der anderen. Die Vereinigung beider
Stile in einer großartigen Synthese, die vielen
Künstlern als Ideal vorschwebte, scheint nach
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