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ARCH. WELLERMANN & FRÖLICH-BREMEN
WOHNHAUS IN BREMEN: PERGOLA IM GARTEN
FÜNFUNDZWANZIG JAHRE „DEUTSCHE WERKSTÄTTEN-
Wir bedürfen aus der verwirrenden Überfülle
des Werdenden und Geschehenden, das zu
uns dringt, aus dem eiligen Tempo unserer Zeit
mehr als jede frühere der Rückschau und Übersicht
; wir erleben und schreiben zeitgenössische
Geschichte. Auch in der Kunst. Welche
Wandlungen haben die letzten 25 Jahre allein
im Kunstgewerbe gebracht, heute stehen wir
schon vor einem vielfachen Stilcharakter.
Damit verdient ein Unternehmen wie die
„Deutschen Werkstätten", die hieran wesentlichen
Anteil genommen, eine allgemeine Würdigung
, verdient sie insbesonders in diesen
Blättern, die selbst eine Art historischen Bilderbuches
des modernen Kunstgewerbes verkörpern
: Die „Deutschen Werkstätten" sind
bahnbrechend und führend im zeitgemäßen,
künstlerischen Möbelbau geworden und bis
heute geblieben, haben das ganze Kunstgewerbe
in solchem Sinne beeinflußt und gefördert.
Es gibt erst seit dem Biedermeier eine bürgerlich
behagliche Einrichtung, die letzte patri-
zische Wohnkultur besaß das Rokoko. Unsere
Zeit verlangt beides, aber beides anders — für
gewandelte Schichten. Zu den bürgerlich geschäftlichen
Kreisen kamen die Vertreter der
geistigen Berufe mit mittlerem Einkommen;
zum Geburtsadel gesellte sich der Geldadel der
Industrie, Großkaufmannschaft, mannigfachen
Direktorien u. a. Während das bürgerliche Element
eine geistigere Spannung moderner Art
auch für ihr Wohnen gewann, erstrebten die
oberen Schichten, im Gegensatz zu ihrer sonstigen
Anpassung an heutige Bequemlichkeit und
luxuriöse Lebensführung, den Schein ererbter
Kultur durch den Erwerb alten Besitzes. So
fand die junge Möbelkunst, die sich um das
sachlich Knappe, Gediegene und einfach Schöne
bemühte, zumeist im neuen Bürgertum Verständnis
und Pflege; die Reichen hielten es mit
den „antiken" Möbeln und deren Nachahmung
— den einfachsten Leuten gleich, die aus dem
Magazin schlechte Grundformen mit verballhornter
alter Ornamentik kauften.
Hier setzten die „Deutschen Werkstätten"
vor 25 Jahren ein. Anfangs zwei durchaus getrennte
Unternehmen, die „Münchner Werkstätten
für Wohnungseinrichtung" unter Karl
Bertsch, Ad. Niemeyer und Beckerath, und die
„Dresdener Werkstätten" unter Karl Schmidt,
vereinigten sie sich auf Grund gleicher Arbeitsgesinnung
1907 zu den „Deutschen Werkstätten",
Dekorative Kunst. XXVII. i. Oktober 1923
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