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GARTENARCH. H. KOENIG □ GARTENANLAGE IN HOISBÜTTEL IN HOLSTEIN: TERRASSE UND PERGOLA
DEUTSCHE GARTENKUNST
Die ausschließliche Verwendung klassizistischer
Formen in Park und Garten erlöste
uns von einer Periode der Naturnachahmung
und künstlichen Romantik. Wir gelangten auf
diesem Wege zu Formen von übersichtlicher
Klarheit und als Folgeerscheinung zu einem
kaum mehr überbietbaren Realismus der Gestaltung
im Garten. Frankreich und Italien
hatten uns alle jene Hilfsmittel, die der klassischen
Parkform eines Le-Notre dienten, zur
Verfügung gestellt. Wir begannen wieder Gartenräume
zusammenzubauen, und diese mit einer
großen Anzahl seltener Pflanzen in dekorativer
Weise auszustatten. Wir erreichten somit ein
sauberes Stück Kunsthandwerk, dessen räumliche
und perspektivische Effekte sich leichtlich
errechnen ließen. Und doch, der Anblick dieser
Gärten, so sauber und prächtig sie auch wirken
mochten, er brachte selten in uns eine
Saite zum Klingen, sie ließen kalt wie die abstrakte
Kunst dorischer Säulenreihen, denn
ihnen fehlte — die Seele. Wir haben es zu einer
hochentwickelten Zivilisation im Garten gebracht
, doch von einer Gartenkultur sind wir
noch weit entfernt. Der Garten und in noch
höherem Maße der Park sind bodenständige
Organismen, sie können ebensowenig international
sein, wie etwa die deutsche Landschaft,
und wie diese ein Teil unserer selbst ist, so
muß die geformte Landschaft — der Park —
der Ausdruck unseres inneren Erlebens und
demnach ausgesprochen deutsch sein. Eine
tiefe Mystik liegt in dem Arbeiten mit dem
lebenden Material „Pflanze", sie führt zu einer
Evolution, die sich mit ein paar geraden Linien
und dem Raumbegriff allein nicht ausdrücken
läßt. Halten wir uns vor Augen, daß der Hang
zum Metaphysischen ein nachweisbares Charakteristikum
deutschen Wesens ist, so wird es
uns verständlich werden, wenn so viele, besonders
verinnerlichte Naturen, die Parkschöpfungen
unserer Zeit, deren meßbare Klarheit
uns oft — man verzeihe — wie Reißbrettkunststücke
anmutet, ablehnen, da sie in ihr
keine Befriedigung finden. Das in uns allen
überwiegende „Gefühl" gegenüber dem Begrifflichen
weist uns den Weg für unsere Gartenschöpfungen
. Nehmen wir daher unser eigenes
Gefühlsleben als Maßstab für die Park- und
Gartenschöpfungen unserer Zeit, so entdecken
wir in der Landsehnsucht unserer Zeit die starken
, uns Deutschen wie keinem Volke der Erde
innewohnenden Triebkräfte, die nach dem deutschen
Walde hinleiten. Was uns Birken und
Vogelbeeren, Lärchen und Kastanien und die
vielen Nadelholzarten in reinen Waldbeständen
wie auch als Mischwald, im Park, erschließen
können, ist bisher den wenigsten noch bewußt
geworden. Die Form des Parkes, wie er unserem
Empfinden am nächsten kommt, ist der
Waldpark. Wir bauen ihn nicht, sondern pflanzen
ihn und benutzen hierzu die Pflanzerfahrungen
des Forstmannes. Die Anpflanzung erfolgt
in geschlossenen Quartieren (Jagen), die
voneinander durch Grasschneisen (Gestelle) getrennt
sind. Als Pflanzenmaterial benutzen wir
unsere bekannten Waldlaubbäume und Nadelhölzer
, die rein oder gemischt gepflanzt werden
. Da es eine bekannte Tatsache ist, daß
der beste und schnellste Pflanzenaufwuchs im
Dekorative Kunst. XXVII. 5. Februar 1924
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