Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 50. Band.1924
Seite: 101
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JOHANNA CRASS-DARMSTADT

KÄMPFENDER (SCHERENSCHNITT)

ZEITSTIL UND BÜHNENKUNST

Anläßlich der Berliner Theaterausstellung im
Jahre 1910 führte man in gutgemeinter pädagogischer
Absicht einen griechischen Klassiker
auf — es war wohl die Orestie des Äschy-
lus — und ließ die Darsteller der Überlieferung
getreu auf hohem Kothurn und angetan mit
der historischen Gesichtsmaske nebst mächtigem
Haaraufsatz über die enge Bühne der Ausstellungshallen
am Zoologischen Garten schreiten.
Eine Weile ging der Berliner hin, sah sich die
Sache der Kuriosität halber an und machte seine
guten und schlechten Witze dazu, fühlte sich
aber im Innersten weidlich gelangweilt. So kam
es denn, wie es kommen mußte. Äschylus verschwand
in der Versenkung und seine Jamben
und Trochäen wurden abgelöst von dem gepfefferten
Dialog irgendeines modernen Schwankes
, der sich als Retter in der Not erwies,
während fast zur gleichen Zeit Max Reinhardt
mit seiner ersten Zirkusinszenierung, dem Sopho-
kleischen Ödipus, ungeahnten Erfolg erzielte.

Nichts kann treffender die Gebundenheit aller
Bühnenkunst an die jeweilige Zeitepoche, an
die gesamte geistige und künstlerische Einstellung
ihrer Zeitgenossen beleuchten, als dieses
Beispiel. Reinhardt hatte mit dem sicheren Instinkt
des geborenen Regisseurs die Stimmungen
und Forderungen, mit andern Worten, den Stil
seiner Zeit erkannt. Indem er sich seinen Gesetzen
anpaßte, kam er dem Geschmacksbedürfnis
der Menge entgegen und damit war
ihm der Erfolg sicher. Das atemraubende Furioso
der Massenszenen im Lichtkegel greller Scheinwerfer
, die nervenaufpeitschende Dynamik der
Chöre, die differenzierte psychologische Analyse
der Handlung, das alles war so sehr aus der
Zeit herausgeboren, daß es in jedem, auch dem
sprödesten Zuschauer, ein Miterleben und Mitschwingen
auslösen mußte. Man hat damals
wohl den Einwand gemacht, dieser Berliner
Ödipus lasse keinen Hauch griechischen Geistes
verspüren. Das ist zweifellos richtig. Aber ebenso
fest steht die Tatsache, daß der Versuch, mit
historischer Gewissenhaftigkeit das antike Weihespiel
heraufzubeschwören, kläglich gescheitert
ist, während selbst in der nüchternen Zirkusarena
das Zeitlose, Allgemein-Menschliche, das
jedem wahrhaft großen Kunstwerk aller Zeiten

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