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ARCH. OTTO PRUTSCHER-WIEN
Ausführung: Melzer
Empfinden seine Auswahl nach eigenem Belieben
getroffen hat. Dieser Vorgang ist ein
interessanter Beweis für die schon längst beobachtete
und oft ausgesprochene Tatsache, daß
die Kunstgewerbemuseen den Lebenszweck, der
ein Hauptgrund ihrer Entstehung gewesen ist,
nämlich Vorbildersammlungen für das handwerkliche
Schaffen der Neuzeit zu sein, fast gänzlich
eingebüßt haben. Es liegt nicht in der Absicht
dieser Zeilen, auf diese viel erörterte tiefgreifende
Frage weiter einzugehen. Man hat den
in erster Linie durch das Eintreten des genialen
Semper als Mustersammlungen für das
neue Handwerk geschaffenen Kunstgewerbemuseen
übrigens von der Seite der Praktiker
schon seit längerer Zeit wiederholt vorgeworfen,
daß ihr Material für die Praxis nur selten noch
brauchbar wäre. Wiederholt haben Künstler,
Handwerker, kunstindustrielle Firmen und Besteller
erklärt, gerade das, was sie suchten,
fänden sie nicht in den Museen: Gerät und
Geschirr von einfachen Gebrauchsformen, aber
von guter handwerklicher Durchbildung; dergleichen
sei in unseren Museen nicht zu finden
oder doch unter der Fülle reicher Prunkwerke
unauffindbar. Daher haben die Kunstgewerbeschulen
, wie auch unsere Unterrichtsanstalt sich
in der Stille eigene, für ihren besonderen Zweck
geeignete Lehrsammlungen angelegt, in denen
die Proben rein nach künstlerischen und handwerklichen
Gesichtspunkten ausgesucht sind.
Die Unterrichtsanstalt beabsichtigt im Anschluß
an die so anregende keramische Ausstellung
SCHREIBTISCHGARNITUR. MESSING. GLANZ
Neuhart A.-G., Wien
später ähnliche Veranstaltungen aus anderen
Gebieten zu machen. So zunächst eine sicher
ebenso begrüßenswerte Nebeneinanderstellung
alter und neuer Gelbguß- und Kupfertreibarbeit,
zu der die anläßlich der Metallablieferung während
des Krieges vom Kunstgewerbemuseum
vor dem Einschmelzen bewahrten schlichten
Hausgeräte in Gelbmetall einen wichtigen Beitrag
liefern werden.
Die durch diese keramische Ausstellung erneut
zum Bewußtsein gebrachte Frage über
unsere Kunstgewerbemuseen als Vorbildersammlungen
ist deshalb noch besonders akut geworden
, weil vor kurzem ein Verband amerikanischer
Museen einen Referenten Prof. C.
C. Richards aus Neuyork hauptsächlich zum
Studium dieser Angelegenheit nach Europa gesandt
hat. Sollen wir neue Kunstgewerbemuseen
errichten: diese Frage wurde uns und vielen
anderen Museumsleuten von Herrn Richards
vorgelegt. Denn auch in Amerika sind die Erörterungen
über das Verhältnis der schaffenden
Kunsthandwerker zu dem Bestand der Museen
lebhaft im Gange, wie die lehrreichen Aufsätze
in den Bulletins der großen Sammlungen von
Neuyork, Philadelphia, Boston usw. beweisen.
Auch hier hat sich das Kunsthandwerk von der
sklavischen Nachbildung der historischen Stile
längst befreit und sucht — allerdings mit der
den Angelsachsen nun einmal eigenen Gebundenheit
an die Konvention — neue Wege.
Die Kunstgewerbemuseen haben in der Mehrzahl
, erschreckt durch das stetig nachlassende
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