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zum unverfälschten Deutschtum, zum christlichen
Mittelalter, zur Gotik!" lautet ihr mehr
politisch-literarisch als ästhetisch begründeter
Schlachtruf. Es soll uns gewiß nicht beifallen,
von der neuen „Renaissancebewegung" etwa
die mit der heutigen Struktur der europäischen
Gesellschaft noch verträglichen Elemente der
mitelalterlichen Kunst irgendwie prinzipiell ausschalten
zu wollen (es ließ und läßt sich gewiß
mit gutem Sinn auch von einer Renaissance
des Mittelalters reden) — einer Wiederaufnahme
des gotischen Gesamtgefühls in unserer
Zeit dürfte aber doch die allzugroße
innere Distanz und Strukturverschiedenheit der
beiden Zeitalter im Wege stehen, während ja das
individualistisch-aristokratischeltalien des Quattrocento
doch mit der Stadtstaatenkultur der chronologisch
so weit abliegenden Antike schon an
und für sich eine nahe Verwandtschaft aufwies.
Im wesentlichen kann es sich also bei der heutigen
Renaissance wohl doch nur um eine Wiedergeburt
jener Architektur und angewandten Kunst
handeln, deren natürliche Fortentwicklung durch
die Intermezzi des eklektischen Historizismus
und des „Jugendstils" so grausam unterbrochen
worden ist. Um das nationale Gepräge der deutschen
Kultur braucht uns wegen des von übereifrigen
Tempelhütern so sehr gefürchteten antiken
Gehalts dieser Stilepochen kaum bange zu
sein: können wir doch mit gutem Recht von
einem „deutschen Barock" reden, und auch die
folgenden Abschattierungen des klassischen
Ideals (Rokoko, Zopf, Empire) haben sich mit
dem deutschen Wesen organisch verbunden; von
der Schinkelzeit (die sozusagen eine unmittelbare
Renaissance des bisher durch die römischen
Beimischungen verschleierten Hellenen-
tums bedeutet) und der Biedermeierzeit wird
man vollends sagen können, daß sie rein deutschen
Charakter haben. Anderseits aber ist —
das erweist am besten die Unbegründetheit
jener Befürchtungen — wieder gerade das ärgste
„Renaissance"-Kopistentum unter dem Deckmantel
des „Altdeutschen" bei uns eingeschleppt
worden, während wiederum die Gotik in all
ihrer deutschen Kraft und Innigkeit doch in
letzter Linie fraglos auf französische Ursprünge
zurückgeht.
Das nationalpolitische Element sollte also
aus den Erwägungen über Wert oder Unwert
der neuen Renaissance füglich ausgeschaltet
bleiben: was wahrhaft dem innersten Wesen
des Volkes, der Zeit und der schaffenden Künstler
entspricht, findet von selbst seine besondere
nationale Daseinsform. Das Wesen einer
Renaissancebewegung ist aber natürlich nicht
gerade an eine Beziehung zum klassischen Altertum
gebunden; daß es sich in unserem
Sonderfall um eine Renaissance der „großen
Renaissance" handelt, ist gewiß nicht bestimmend
für den Begriff einer Renaissance als
solcher. Denn „Renaissance" heißt und bedeutet
nichts anderes als „Wiedergeburt". Wiedergeboren
werden kann aber alles irgendwie
Keim- und Triebfähige — das Griechen- und
Römertum so gut wie die Gotik oder irgendein
anderer Stil. Wenn in unserem besonderen
historischen Augenblick vorwiegend gerade nur
die selbst aus einer „Renaissancebewegung" erwachsene
Folge von Anwendungen der Antike
auf die neueuropäische Stilgeschichte als Substrat
einer neuen „Renaissance" in Betracht kommen
kann, so liegt das an der Fülle unverbrauchter
Möglichkeiten, die immer noch in ihr stecken,
an der relativen Geringfügigkeit der kulturellen
Distanz zwischen den Zeiten ihres Gegenwärtigseins
und unserer eigenen Epoche. Wenn
jedem historischen Zeitalter nun einmal die
Möglichkeit einer Wiedergeburt theoretisch zugestanden
wird — sollte sie dann gerade dem
„Renaissancezeitalter", dem Zeitalter der Wiedergeburt
kat'exochen, abgesprochen werden
können? Etwa darum, weil „Renaissance der
Renaissance" lächerlich klänge, oder weil man
dabei leicht an eine Wiederholung des Unge-
schmacks aus den Gründer jähren denken könnte ?
Der Verwechslung mit der Pseudo-„renässangse"
jener Tage hoffen wir ja wohl entschieden genug
begegnet zu haben; der andere Einwand aber
ist von vornherein nicht ernst zu nehmen:
sprechen wir, um die häßliche Wortfügung zu
vermeiden, dann eben einfach von einer „Deuterorenaissance
"! Renaissance, das ist: Wiedergeburt
, bleibt diese zweite Wiedergeburt darum
nicht minder. Und das ist es, worauf es ankommt
. Franz Arens
(Ein zweiter Teil folgt)
MÜNCHNER NEUBAUTEN
Obwohl die Neubautätigkeit in München während
des vergangenen Jahres sehr flau war,
sind doch einige Gebäude entstanden, die für
den Stadtorganismus von größter Bedeutung
sind. Über den heißumstrittenen Maffeibogen
ist von den verschiedensten Gesichtspunkten
aus disputiert worden; die städtebauliche Funktion
dieses an sich nüchternen Baukörpers wurde
dabei zu wenig gewürdigt, sie darf nicht unterschätzt
werden. Die Straßenbrücke hat zwei
Teilen der inneren Stadt die Raumwand gegeben
und insofern mit geringsten Mitteln neue
Räume geschaffen: den Platzraum gegen den
Promenadeplatz und den Straßenraum gegen
die Maffeistraße. Der Bogen selbst als Baukörper
erlaubt noch kein endgültiges Urteil,
Dekorative Kunst XXVII. 6. März 1914
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