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AKTIEBOLÄGET J. E. BLOMQUIST-UPSALA
WOHNZIMMER
ENTWICKLUNGSFRAGEN EINER GROSZSTADT
VON FRITZ SCHUMACHER*)
Weit über die lokale Bedeutung Kölns hinaus
ist dieses Werk Schumachers, dessen staunenswerte
Produktivität immer wieder die Augen
aller am Stadtbau Interessierten auf sich lenkt,
ein Dokument, wie es bisher die Literatur nicht
kannte. In nicht weniger als ca. 200 Plänen, Bildern
, Schematas und Tabellen, die umgeben von
ausführlichem Text zu einem ansehnlichen Band
vereinigt sind, tut sich hier die aktuell praktische
Werkstatt des zweifellos bedeutendsten modernen
Städtebauers und Organisators auf, gibt ein abgerundetes
programmatisches Projekt einer großen
Stadt mit allen Einzelheiten ihrer weit verzweigten
Sondergebiete und entwickelt aus der realen Gegenwart
die Linien für die Zukunft mit biologischer
Notwendigkeit wie bei einem organischen
Lebewesen. So wird ein überzeugendes, wertvolles
Vorbild für jede große Stadt, sofern sich solche
überhaupt ernste Gedanken über ihre nähere und
fernere Zukunft machen sollten, geschaffen. Hier
handelt es sich tatsächlich um eine noch niemals
so zielbewußt und weitausschauend unternommene
Synthese aus einem Guß. Das unerschöpfliche
Problem „Stadtbau", das rätselhafte Geheimnis
„Stadtwachstum" kommt in dieser rein praktischen
Bearbeitung viel lebensvoller und fruchtbringender
zum Bewußtsein als in irgendeinem
theoretischen Buch, und gerade die darin enthaltene
Arbeitsmethode an städtebaulichen
Zukunftsaufgaben stempelt Schumachers Werk zu
*) Schumacher, Fritz, Köln, Entwicklungsfragen einer Großstadt
. Köln 1923, Saaleck-Verlag.
einem klassischen, von unschätzbarer Bedeutung
für die Allgemeinheit.
Wie auf so vielen anderen wirtschaftlich sozialen
Gebieten Deutschlands ist in der Theorie
alles klar und selbstverständlich. Die Art aber,
wie sich diese „Selbstverständlichkeiten" in die
realen Forderungen des Tages umsetzen, ist ganz
und gar nicht Allgemeingut geworden, und nur
zu oft erweist sich der theoretische Bundesgenosse
als praktischer Gegner. „Das ist in vieler Hinsicht
schwieriger, als der Zustand, wo er auch theoretischer
Gegner war. Verhältnismäßig selten ist
heute noch der wirkliche Einblick in die Art, wie
eine große Stadt ihre Zukunft vorbereiten muß,
wenn sie dem Fluch entgehen will, der auf ihr
lastet." Ganz allgemein verlangt Schumacher —
außer anderem — von einem weitblickenden Gärtner
jeder in vollem Safte stehenden Großstadtpflanze
: 1. Dezentralisation ihrer Massen, 2. Konzentration
ihrer beruflichen Kräfte und 3. Annäherung
an die kraftspendende Scholle.
Es gehört aber nicht nur ein reiches Maß von
Können und Arbeitskraft, sondern rein menschlich
ein unverwüstlicher Optimismus, ein unbesiegbarer
Glaube an die gute Sache dazu, um über
alle Fährnisse der vielköpfigen Gemeinde- und
Stadträte, der Privat- und Parteiinteressen hinweg
zu überzeugender Harmonie und einer über
allen stehenden Lösung zu kommen. Und auch
hierin hat Schumacher der Stadt Köln sowohl wie
jeder ehrlich ringenden Stadtverwaltung ein leuchtendes
Beispiel gegeben. h. Sörgel
Dekorative Kunst. XXVII, 7. April 1924
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