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färbe der Wände (im Gegensatz zu dem sonst
vorherrschenden hellen Schleiflack), die prachtvoll
harmonischen Supraporten von Hagel (Malerei
und Musik) und die feierlichen Dichterbüsten
Wackeries auf den Bücherschränken
(bei denen allerdings an der Vergoldung ein
wenig hätte gespart werden können) noch den
Eindruck des Seriösen und Klassisch-Bedeutsamen
hinzutreten lassen.
Der Rauchsalon, zu dem man von hier aus
mit ein paar Schritten gelangen kann, bildet
sozusagen den Abgesang dieser großzügigen
Raumflucht. Unter all diesen hohen Festsälen
den anderen an Höhe noch überlegen, empfängt
der reichgeschnitzte Pfeilerraum durch Weglassung
des Oberlichts und die Bevorzugung
dunkler Tönungen an Holzwerk und Stoffen
(der Linoleum-Bodenbelag und die Verwendung
eines alten Gobelins als Hauptzier der Kaminwand
eröffnen eine wohlbegründete Analogie
zu dem nur natürlich viel heller gehaltenen
Speisesaal: handelt es sich doch in der Tat in
beiden Fällen um Stätten für beschaulichen
„Qualitätskonsum") eine gedämpfte Behaglichkeit
, der sich übrigens die Lichter farbigen
Humors in Hagels Supraporten (die vier Weltteile
darstellend) aufs beste einfügen.
Sind wir aus diesem hohen dämmerigen Männergelaß
, in dem sozusagen das bodenständighanseatische
Element der deutschen Reederei
Versinnlichung findet, über die kunstreich gearbeitete
Treppe dann noch in die freundliche
Helle der „Laube" emporgestiegen, wo das
Meerlicht voll und fröhlich hereinflutet und
reizende Chinoiserien von E. R. Weiß uns an
die Weite der Welt gemahnen, so haben wir
mit dieser letzten Nebeneinanderordnung von
Bodenständigkeit und Weltoffenheit, Ruhe und
Bewegtheit, Gesetztheit und Freudigkeit unseren
geistigen Rundgang durch die kunstgewerblich
bedeutsamsten Räume des neuen „Colum-
bus" zu Ende geführt. Damit soll natürlich
den vielen, hier nicht einmal flüchtig gestreiften
Räumen (die schönen, reich intarsiierten Privatspeisesäle
, die Nebengelasse des Rauchsalons
mit den zum Teil sehr hübschen Arbeiten
E. Thönys können nur eben gerade noch mitaufgezählt
werden), den vielen unerwähnt gebliebenen
Einzelkunstwerken, auch der Fülle
des Neuen in Troosts Einzelmöbeln (besonders
aufgefallen sind mir z. B. eine sehr sinnreiche
Kombination zwischen Schreibtisch, Frisiertisch
und Kommode, sowie die überaus reizvolle Verwendung
des bisher meist in die Öden philiströsester
Langweile verbannt gebliebenen Rohrgeflechts
) gewiß kein Unrecht geschehen: unsere
Schau mußte sich in Wort und Bild notgedrungen
auf das Durchgreifende, Kompositionelle der
Sache beschränken. Im übrigen wird denen,
welche durch das hier Beschriebene und Gezeigte
zu tieferem Eindringen in das von Troost und
seinen kongenialen Mitarbeitern (nicht zu vergessen
die tadellose Ausführung der Entwürfe
durch erlesene Vertreter des deutschen Kunsthandwerks
, unter denen auf dem „Columbus"
vor allem die Vereinigten Werkstätten, Ballin
und Wilhelm in München, Schäfer in Bremen,
Steiniger in Hemelingen und Pallenberg in
Köln beteiligt gewesen sind) für einen geradezu
ideal großzügigen Auftraggeber Geschaffene
angeregt werden sollten, in nicht zu ferner Zeit
Gelegenheit geboten sein, die unter Troosts
künstlerischer Ägide für die Schiffe des Norddeutschen
Lloyd geschaffenen Arbeiten aus einer
Sonderpublikation noch näher kennenzulernen.
Sicherlich wird so mancher es erst dann ermessen
, wieviel hier in aller Stille für die Repräsentation
deutscher Kultur vor breitestem
Weltforum getan worden ist. Und das wahrlich
nicht durch gegenwartsfremde „Archaismen":
gerade der „Columbus" macht es wieder einmal
besonders deutlich, daß man (ohne damit nun
gerade eine siebente oder achte Periode seines
Oeuvres inaugurieren zu wollen, worin übrigens
den Kunsthistorikern der Zukuuft nicht vorgegriffen
werden soll) in den Arbeiten Troosts
und der ihm gleich Strebenden alles eher vor
sich hat als einen Abklatsch historischer Stile:
hier handelt es sich vielmehr offenkundig um
eine wahrhafte und schöpferische Renaissance
alles zu aktuellem Weiterleben noch Fähigen
aus dem Schatze unseres künstlerischen Erbes,
eine Wiedergeburt aus dem Geiste unserer
eigenen Epoche — der freilich so wenig wie
derjenige anderer Zeiten aus dem Gebaren der
Schwarmgeister und Propheten allein abgeleitet
und begriffen werden darf.
Franz Arens
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