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BILDHAUER KNUT ANDERSON-MÜNCHEN
CHERUBINSAAL IN MÜNCHEN: TURMKRÖNUNG
RENAISSANCEBETRACHTUNGEN
II. (Teil I siehe Märzheft)
An sich ist in dem Worte „Renaissance" über
^ das Subjekt des damit jeweils bezeichneten
Wiedergeburtsvorgangs oder über die Art,
in der dieser sich auswirkt, nichts ausgesagt.
Wir sagten schon, daß man ohne weiteres von
einer Renaissance des Mittelalters sprechen
dürfe; auch von „Renaissance des klassischen
Altertums" im besonderen kann bereits in Anwendung
auf bestimmte Perioden der mittelalterlichen
Geschichte (Karolinger-, Ottonen-
zeit) die Rede sein. Und wenn man auch vorzugsweise
Renaissancebewegungen auf dem Gebiete
der Literatur und bildenden Kunst ins
Auge zu fassen pflegt, so handelt es sich doch
sicherlich nicht um Mißbrauch des Wortes,
wenn man etwa von der Renaissance einer
Wissenschaft oder Geschmacksrichtung redet.
Die letzte Wurzel des vielgebrauchten und
-mißbrauchten Ausdrucks, über den der allzufrüh
verstorbene Münchner Literarhistoriker
Karl Borinski eine ebenso lesenswerte und tiefdringende
als — leider — unübersichtliche Sonderuntersuchung
angestellt hat,*) liegt im Christlichen
: durch die Taufe erlebt der in die physische
Welt bereits Eingetretene seine geistige
Wiedergeburt, ebenso, wie die sündenbeladene
Menschheit durch den Opfertod des Erlösers
einst „wiedergeboren" worden ist. Diese christliche
Wiedergeburtsidee, die durch die Legende
von dem aus der Asche neu erstehenden Vogel
Phönix ihre symbolische Ausprägung erhielt,
wandelte sich bei den italienischen Dichtern
des Mittelalters zu einem allgemeinen, mehr
weltlichen Begriff der Wiedererneuerung, des
Wiederaufbaues, in den der altrömische Ahnenstolz
des „Rückgriffs auf die Ursprünge" als
entscheidendes Moment miteinging. So konnte
der Wiedergeburtsgedanke auch in nicht spezifisch
christlich gestimmten Kreisen Wurzel
fassen, noch ehe das Wort „Wiedergeburt" eine
*) Die Weltwiedergeburtsidee in den neueren Zeiten: I. Der
Streit um die Renaissance und die Entstehungsgeschichte der
historischen Beziehungsbegriffe Renaissance und Mittelalter.
Sep.-Abdr. aus den Sitzungsberichten der bayerischen Akademie
der Wissenschaften, philosophisch-historische Klasse,
Jahrg. 1919, 1. Abhandlung.
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