http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_50_1924/0230
— mögen immerhin die letzten Grundelemente
des von ihr vertretenen Formideals dem Bereiche
der Mittelmeerkulturen entstammen—an
lebensvolle und schöpferische Epochen unserer
eigenen Vergangenheit produktiv anzuknüpfen
gewillt ist. Eine Baukunst und Innendekoration,
die dem Schaffen und Wirken eines Luther und
Bach, eines Goethe und Schiller, eines Beethoven
und Schubert, eines Stifter und Görres, sich völlig
kongenial einfügte, mit diesen schöpferischen
deutschen Genien zu einer unlöslichen Stileinheit
und Harmonie zusammenströmte, kann doch wohl
auch niemals im tiefsten undeutsch gewesen sein,
und ihre Wiedergeburt im Geiste unserer eigenen
Zeit (will sagen: ihrer unzerstörbaren inneren
Lebenskräfte) kann so wenig unnational sein wie
sie unproduktiv ist. Sicherlich böte die der Oberfläche
des antiken Wesens eigene gelassene, selbstgerechte
Ausgeglichenheit nicht eben den letzten
Ausdruck für unsere ringende Epoche, aber auch
der Antike ist weltferne, mystisch-hingegebene
Versenkung durchaus nicht fremd geblieben, und
es ist vielleicht nicht genugbekannt, daß die floren-
tinische Renaissance gerade aus der Verehrung
Piatos ihre stärksten Anregungen geschöpft hat.
Gerade hierin berührt sie sich auch eigentümlich
nahe mit unserer eigenen Epoche, die ja ebenfalls
im Wiederaufbau einer idealistischen Weltanschauung
, dem Neuauflebenmachen ideengeschichtlicher
Betrachtungsweise ihre vornehmsten
geisteswissenschaftlichen Aufgaben erblickt.
So dürfen wir uns denn ohne Versündigung an
den nationalen und religiösen Bedürfnissen unserer
Zeit der neuen Renaissancebewegung erfreuen
, auch dann, wenn ihre auf „Originalität",
„Tiefe", „Leidenschaft" eingespielten Widersacher
dabei verharren sollten, sie als einen „kalten,
leeren, affektierten Stil" zu bezeichnen. Ein exemplifizierendes
Beweisverfahren liegt nicht in Rahmen
und Aufgabe dieser Betrachtungen; wir
möchten uns für heute darauf beschränken, diesen
Verächtern alles Harmonischen und innerlich
Geschlossenen die schlichten Worte entgegenzuhalten
, mit denen Borinski den ersten Teil seiner
Abhandlung beendigt: „Daß die ,Kälte' auch
Höhe, die ,Leere' Einfachheit, die .Affektiertheit'
Beherrschung des Affekts sein könne, war man
den Leuten des ,fin de siecle' gegenüber vergebens
bemüht, zur Anerkennung zu bringen. Aber die
Hauptsache, der Stil, ist damit selbst von den
Feinden zugegeben. Und was einen Stil hat, das
ist ein ,Selbst'..." Franz Arens
CHERUBINSAAL DES HOTELS VIER JAHRESZEITEN, MÜNCHEN: BÜHNENANSICHT
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