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Ausstellung der Kunstgewerbeschule Stuttgart
, Abteilung für Dekorationsmalerei B
schon getan, aber von anderen Gesichtspunkten
aus. Weniger der stoffliche Charakter, als besonders
malerische Wirkungen wurden geschätzt
und das Material wurde nach seiner Wirkung
auf den Sehnerv bemessen. Der Stoff stand
nur durch seine malerische und tonige Wirkung
in Verbindung zu dem Beschauer. Wenn wir
heute an einfach geschlagenem Silber oder
an gedrehten naturfarbenen Holzdöschen, an
Emaille und Majolika, an Gabardine und Seidenbrokat
unsere Freude haben, wenn die Mode
großflächig drapierte Stoffe bevorzugt, deren
eigenartige Webart Glanz, Fall und Faltenwurf
bestimmen, so geht das über den rein farbigen
Reiz hinaus. Wir bekommen eine Verbindung
mit dem Material, die sich aus Tastreizen,
formal plastischem Empfinden, ja selbst durch
Beimischung oft von Geruchsempfinden zusammensetzt
, wir haben eine sinnlichere Einstellung
zum Material, die Gefühlserlebnisse anruft, die
nicht rein nur gesehene sind.
Ähnlich ist es mit der Farbe. Nicht mehr
WANDGEMÄLDE IN KASEINMALEREI
VON PROF. RUDOLF ROCHGA m
der gute harmonische Farbenakkord oder das
tonige Verklingen der Farben reizt den neuzeitlichen
Künstler, sondern die Farbe hat für
ihn einen Ausdruckswert. Eine bestimmte Art
Rot kann wie geladener Explosionsstoff wirken,
ein weiches Blau nervös zucken. Damit aber
dient die Farbe der formalen Gestaltung und
hat nicht mehr den hohen Grad von Selbstzweck
, denn man wird, um bei dem Beispiel
zu bleiben, eine pralle Form, die jeden Augenblick
zu platzen droht, nicht in dem eben
beschriebenen Blau, sondern in dem Rot
halten.
Denn auch die Form ist Selbstzweck geworden
. Nicht von außen her geformt, sondern
aus sich heraus geworden von in ihr liegenden
Kräften, läßt sie in ihrer äußeren fertigen
Form den formalen Instinkt in die motorische
Kraft hineingeraten, die sie verkörpert. Eine
Form ist niemals ein in sich ruhendes Gebilde
, sondern ein Zeichen, eine Hieroglyphe
für eine motorische oder triebhafte Kraft, aber
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