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ARCH. OTTO PRUTSCHER-WIEN VILLA KNOPF-WIEN. MÖBEL AUS
DER HALLE. EICHE GEBEIZT □
Ausführung: A. Knoblochs Nachf., Wien
OTTO PRUTSCHER
Jede neue Epoche muß erst aus den unbewußten
Bedürfnissen ihrer Zeit erkannt werden. Diese
seelischen Forderungen liegen als schlummernde
und keimende Ideen im Schoß der Zeit gebettet;
sie zu entdecken und ihnen greifbare Formen
zu geben, bedarf es jener genialer Leute, die von
der Zeit stets im rechten Augenblick geboren
werden. Sie erfinden außerhalb der gewohnten
Überlieferung und suchen neue Probleme mit
blühendem oder verblühendem Gehalt, je nach
der Wellenbewegung ihrer aufsteigenden oder
sinkenden Kultur. Ihnen wird, was ihre Sensibilität
und ihr Erkenntnisvermögen sie finden
läßt, zur natürlichen Verbindung, jedoch nur
in der Relativität ihres Kulturkreises. Selbst das
schöpferische Genie vermag bei aller überragenden
Persönlichkeit nichts zu erschaffen,
sondern nur weiterzuschaffen. Es setzt die
Arbeit der Menschheit und seines Volkes im
besonderen an der Stelle fort, an der es sie vorgefunden
hat, denn noch niemals hatte eine
Nation die Kraft, plötzliche Ideen zu entfalten.
Der Geist der Zeit ist die Voraussetzung, von
dem aus sich dem Künstler Ansatz und Gegensatz
zur Auswirkung seiner Empfindungen und
Vorstellungen darbietet. Aus dem Zwiespalt des
umgebenden Alltags und der logischen Erkenntnis
übernatürlicher Energien exzessiver Geister
entstehen die Probleme. Das Genie, der Künstler
und der Philosoph versuchen sie zu lösen
und zu gestalten und die Zeit paßt sich dieser
Problematik allmählich an. Solange, bis sie, in
der unerforschlichen Absicht der Natur sich
selbst immer nur bis zu einem Erschöpfungspunkte
zu entwickeln, wieder überwunden und
zum überkommenen Erfahrungsinhalt werden.
Daß diese Problematik sich wandelt und sich
wandeln muß, weil sie sich in ihrem leuchtenden
Feuer selbst verzehrt, gehört zum Urphänomen
des Kommens und Gehens aller Geschehnisse.
Es wandelt sich der Geist, der über den Massen
schwebt und bleibt nie stille stehen. Die Masse
selbst will anfänglich niemals etwas von kultureller
Steigerung, von neuen Werken und intensiver
Wirkung wissen. Sie hat bereite Empfänglichkeit
nur für Fortschritte der Zivilisation,
denn diese entfernt sich nicht wie die Kultur
von dem Zweckhaften der Natur. Darum muß
jeder wirkliche Künstler erst um Anerkennung
kämpfen. Die Masse begreift nur allmählich die
Dekorative Kunst. XXVII. 12. September 1924
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