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KARL HAGENAUER-WIEN
BLUMENTOPF, MESSING GETRIEBEN
Ausführung: Werkstätte Hagenauer, Wien
Arbeit noch im Wachsen sei, so auf der anderen
Seite darüber, daß nur das rechte Handwerk
mit seiner Nähe zum Material und Werkzeug
und vor allem mit der Ganzheit seines
Schaffensprozesses organische, künstlerische
Formen hervorbringen könne. So sollten in
echt handwerklicher Arbeit Grundformen geschaffen
und weitergegeben werden an die Industrie
zur maschinellen Verwertung. Möglich
war das freilich nur durch eine Annäherung
von Handwerk an Industrie, die in einer neuen
Werkeinheit das feindliche Brüderpaar hätte
zusammenbinden sollen. Ist auch der Sprung
nicht zu verkennen, der in dieser erstrebten
Versöhnung geblieben und der Ursprung geworden
wäre noch mancher Schwierigkeit,
so doch auch das nicht, daß hier zum ersten
Male das schlechthin dringlichste Problem des
gesamten Kunstgewerbes angefaßt und mit
kluger Entschiedenheit der Versuch gemacht
wurde, einen Weg zu seiner Lösung zu finden.
— Der zweite Punkt betrifft die heillose Spezialisierung
, an der unsere Künste heute leiden
(und wahrhaftig nicht diese nur!) durch den
grundsätzlichen Mangel jeglicher Bindung, jeglicher
Einbeziehung einem größeren Zusammenhang
. Man stelle sich den Lebenslauf eines unserer
Staffeleibilder einmal deutlich vor, um des unfruchtbar
-engen Zirkels inne zu werden, in dem
die ganze darstellende Kunst heute sich bewegt.
Die bindende Einheit wollte das Bauhaus, wie
sein Name es programmatisch sagt, im Bau
wieder setzen als dem letzten Grund, der alle
Künste wie ehemals in sich sammelt und an
die rechte Stelle rückt. Jedes künstlerische
Erzeugnis vom kleinen Gerät bis zum großen
Wandbild sollte in der Vorstellung des Baus als
des übergeordneten, richtungweisenden Ganzen
geschaffen und erfüllt werden mit seinem weiteren
Sinn. Und über alles Künstlerische hinaus
sollte solcher Art die Idee der Gemeinschaft
sinnfällig, sollte sie als Grundgefühl in den
jungen Menschen lebendig gemacht werden. —
Der dritte und wichtigste Punkt aber hängt
mit der heutigen Bewußtseinslage zusammen,
diesem wesentlichen Merkmal des neuen, europäischen
und zumal deutschen Menschen. Die
Erkenntnis, aus der alle künstlerischen Reformen
, Ursprung und Berechtigung gewonnen
haben, daß unserer Zeit der Stil fehle und daß
dieser Stil zu schaffen sei: diese Erkenntnis
spricht ja von einer Bewußtheit, wie sie in
diesem Grad, in dieser objektiven Selbstbeschau
noch keine Zeit vordem erlebt hat.
Und es gibt wohl manche, die darum dieser
Zeit jede schöpferische Fähigkeit absprechen,
welche einem so aufgehellten Erkenntnisgrund
nicht mehr erwachsen könne, als vielmehr eines
dunkleren, geschützteren Bodens bedürfe. Wie
dem auch sei: Die Stufe des Bewußtseins, die
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